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Die unterschätzte Basis: Wie Takt, Losgelassenheit und Balance die Tragfähigkeit des Pferdes entstehen lassen

Ein systemischer Blick auf Ausbildung, Gelände und biomechanische Entwicklung


In der aktuellen Reitpraxis wird „Tragfähigkeit“ häufig als zentrales Ausbildungsziel definiert. Dabei wird sie nicht selten über äußere Form – insbesondere Kopf-Hals-Position und Rahmenerweiterung bzw. -verkürzung – anzustreben versucht. Parallel dazu zeigt die Praxis ein widersprüchliches Bild: Pferde, die unter intensiver dressurmäßiger Einwirkung stehen, fallen oft frühzeitig durch gesundheitliche Probleme auf, während Pferde aus dem Distanz- oder Geländebereich trotz vermeintlicher „Vorhandlastigkeit“ häufig langfristig belastbar bleiben.


Dieser Widerspruch legt nahe, dass nicht die Lastverteilung allein entscheidend ist, sondern die Art und Weise, wie Bewegung organisiert wird.


Die zentrale These dieses Artikels lautet daher:Tragfähigkeit ist kein Ausgangspunkt der Ausbildung, sondern ein emergentes Phänomen, das aus funktionaler Bewegung entsteht – insbesondere aus Takt, Losgelassenheit und Balance unter geeigneten Rahmenbedingungen.


losgelassenes Pferd

Biomechanische Grundlagen: Lastverteilung und Rumpfmechanik


Das Pferd trägt von Natur aus etwa 55–60 % seines Körpergewichts auf der Vorhand (Dyson & Murray, 2003). Mit dem Reiter verschiebt sich der Gesamtschwerpunkt zunächst nach oben; die horizontale Verschiebung hängt wesentlich von der Sitzposition des Reiters ab (de Cocq et al., 2009).


Entscheidend ist jedoch nicht die statische Lastverteilung, sondern die dynamische Organisation des Rumpfes:


  • Der Brustkorb ist muskulär zwischen den Schulterblättern aufgehängt („Rumpfträger“)

  • Die Stabilisierung erfolgt nicht passiv, sondern über aktive, koordinierte Muskelarbeit (Zsoldos & Licka, 2015)

  • Funktionale Bewegung erfordert ein Gleichgewicht zwischen:

    • Stabilität

    • Elastizität

    • Anpassungsfähigkeit


Fehlt diese Organisation, kommt es zu:

  • Absinken des Rumpfes

  • erhöhter Stoßbelastung der Vordergliedmaßen

  • kompensatorischer Muskelspannung


Entwicklung statt Herstellung: Die zeitliche Dimension


Die Entwicklung eines tragfähigen Bewegungsapparates ist ein langfristiger Prozess, der nicht durch kurzfristige Interventionen ersetzt werden kann.


Eine funktionale Ausbildungsabfolge lässt sich wie folgt beschreiben:


  1. Initialphase


    Junges Pferd unter Reiter:

    • reduzierte Balance

    • Tendenz zu globaler Spannung

    • Rumpf „sackt ab“

  2. Lösungsphase

    • Reduktion unnötiger Spannung

    • Zunahme von Losgelassenheit

    • erste Stabilisierung aus Bewegung heraus

  3. Organisationsphase

    • schwingender Rumpf

    • stabile Balance auch auf gebogenen Linien

    • koordinierte Bewegungsketten

  4. Leistungsphase

    • punktuelle Lastaufnahme durch vermehrte Hankenbeugung

    • erhöhte Tragfähigkeit in kurzen Sequenzen


Dabei ist entscheidend: Hochgradige Tragfähigkeit ist keine Daueranforderung, sondern eine temporär abrufbare Spitzenleistung (Clayton, 2016).


Takt, Losgelassenheit und Balance als funktionale Indikatoren


In der klassischen Reitlehre gelten Takt und Losgelassenheit als grundlegende Ausbildungsskala. Ihre Bedeutung wird jedoch häufig unterschätzt oder auf äußere Kriterien reduziert.


Biomechanisch betrachtet sind sie:


  • Takt: Ausdruck koordinierter neuronaler Muster und rhythmischer Lastverteilung

  • Losgelassenheit: Reduktion übermäßiger Muskelspannung bei gleichzeitiger Erhaltung funktionaler Stabilität

  • Balance: Fähigkeit, den Körperschwerpunkt dynamisch über der Unterstützungsfläche zu kontrollieren


Diese Parameter sind keine bloßen „Vorstufen“, sondern Indikatoren für funktionierende Selbstorganisation.


Unter geeigneten Rahmenbedingungen können sie daher ausreichend sein, um langfristige Gesunderhaltung zu ermöglichen.


Gelände als funktioneller Trainingsraum


Historisch wurde die Grundausbildung junger Pferde maßgeblich im Gelände durchgeführt. Dies ist aus biomechanischer Sicht sinnvoll:


  • Steigungen fördern natürliche Hankenbeugung und Lastaufnahme

  • Unterschiedliche Untergründe verbessern Propriozeption und Koordination

  • Längere Strecken begünstigen rhythmische, losgelassene Bewegung

Im Gegensatz dazu stellt die Arbeit in der Reithalle häufig höhere koordinative Anforderungen (enge Wendungen, häufige Übergänge), bevor die notwendigen Grundlagen ausreichend entwickelt sind.

Entscheidend ist dabei nicht das Gelände an sich, sondern seine Wirkung:Es erzeugt funktionale Anforderungen, ohne dass der Reiter diese künstlich herstellen muss.


Tempo als zentraler Regulationsfaktor


Ein wesentlicher Mechanismus im Gelände ist die Regulation des Tempos:

Pferde tendieren dazu, Steigungen initial über erhöhtes Tempo zu bewältigen. Dies reduziert die notwendige Beugung der Hinterhand, führt jedoch zu vermehrter Vorhandbelastung.


Eine funktionale Herangehensweise besteht darin:

  • Tempo durch kurze, wiederkehrende Impulse zu regulieren

  • auf Dauerzug und Festhalten zu verzichten

  • Streckenlängen gezielt zu variieren


Dadurch erhält das Pferd:

  • mehr Zeit für koordinative Anpassung

  • die Möglichkeit, Lastaufnahme selbst zu entwickeln


Tragfähigkeit entsteht hier nicht durch Einwirkung, sondern als Folge verbesserter Bewegungsorganisation.


Kritik an der „Herstellung“ von Tragfähigkeit


In der modernen Reitpraxis wird Tragfähigkeit häufig über äußere Merkmale definiert und angestrebt. Dies führt zu mehreren Problemen:


  • Verwechslung von Form und Funktion

  • Einsatz von Hilfen zur Fixierung statt zur Unterstützung

  • Unterdrückung von Selbstorganisation


Das Ergebnis sind häufig:

  • stabile äußere Bilder

  • bei gleichzeitig eingeschränkter innerer Mechanik


Studien zeigen, dass restriktive Kopf-Hals-Positionen und dauerhafte Einwirkung die Bewegungsqualität und das Wohlbefinden des Pferdes negativ beeinflussen können (von Borstel et al., 2009).


Rolle des Reiters: Selbstorganisation statt Kontrolle


Ein zentraler, oft unterschätzter Faktor ist die Fähigkeit des Reiters zur Selbstorganisation:

  • unabhängiger Sitz

  • präzises Timing

  • Fähigkeit, Einwirkung zu reduzieren

Erfahrene Reiter zeichnen sich nicht primär durch die Fähigkeit aus, komplexe Lektionen zu reiten, sondern durch die Fähigkeit, nicht zu stören.


Dies ermöglicht dem Pferd:

  • eigene Lösungsstrategien zu entwickeln

  • funktionale Bewegungsmuster aufzubauen


Diskussion


Die Gegenüberstellung von „Geländepferden“ und „Dressurpferden“ zeigt nicht zwei unterschiedliche biomechanische Prinzipien, sondern zwei unterschiedliche Ausbildungssysteme:

  • ein System, das Selbstorganisation fördert

  • ein System, das häufig auf Fremdorganisation basiert


Gesundheit und Langlebigkeit scheinen weniger von der Disziplin abzuhängen als von der Frage, ob Bewegung:

  • funktional entsteht

  • oder äußerlich hergestellt wird


Fazit


Tragfähigkeit ist kein isoliertes Trainingsziel und keine durch Form herstellbare Eigenschaft. Sie entsteht aus der langfristigen Entwicklung von:

  • Takt

  • Losgelassenheit

  • Balance

unter geeigneten Rahmenbedingungen.


Das Gelände kann diesen Prozess unterstützen, da es funktionale Anforderungen stellt, ohne Fixierung zu erzwingen. Entscheidend bleibt jedoch die Qualität der Interaktion zwischen Pferd und Reiter.


Nicht die Herstellung von Tragfähigkeit, sondern das Ermöglichen funktionaler Bewegung bildet die Grundlage für langfristige Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit des Pferdes.


Literaturverzeichnis


Clayton, H.M. (2016): The Dynamic Horse. Sport Horse Publications.

de Cocq, P., van Weeren, P.R., Back, W. (2009): Effects of girth, saddle and weight on movements of the horse. Equine Veterinary Journal, 41(3), 227–231.

Dyson, S., Murray, R. (2003): Pain associated with the sacroiliac joint region: a clinical study of 74 horses. Equine Veterinary Journal, 35(3), 240–245.

von Borstel, U.U., Duncan, I.J.H., Shoveller, A.K., Merkies, K., Keeling, L.J., Millman, S.T. (2009): Impact of riding in a coercively obtained Rollkur posture on welfare measures in horses. Applied Animal Behaviour Science, 116(2–4), 228–236.

Zsoldos, R.R., Licka, T.F. (2015): The equine back: anatomy and function. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice, 31(1), 27–47.

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