Tragkraft beim Pferd
- sabinelagies
- 26. März
- 3 Min. Lesezeit
Definition, biomechanische Zusammenhänge und systematischer Aufbau
1. Was versteht man unter Tragkraft?
Der Begriff Tragkraft beschreibt die Fähigkeit des Pferdes, das zusätzliche Gewicht des Reiters funktionell sinnvoll, biomechanisch effizient und langfristig gesund zu tragen. Dabei geht es nicht um ein rein statisches „Aushalten“, sondern um eine aktive, dynamisch organisierte Leistung des gesamten Bewegungsapparates.

Tragkraft ist somit kein isoliertes Merkmal einzelner Strukturen, sondern ein koordiniertes Zusammenspiel aus:
Muskulatur (insbesondere Rumpfträger, Bauchmuskulatur, Hinterhand)
Faszienstrukturen
Gelenkmechanik
neuronaler Ansteuerung
Entscheidend ist:Ein Pferd besitzt nicht automatisch Tragkraft – es muss sie entwickeln.
2. Tragkraft beim rohen Pferd
Ein nicht gerittenes Pferd ist biomechanisch nicht auf das Tragen eines Reiters ausgelegt, sondern auf:
ökonomische Fortbewegung
Fluchtfähigkeit
Energieeffizienz in der Herde
Charakteristisch ist dabei:
Vorhandlastige Bewegung (ca. 60–65 % Gewicht vorne)
Relativ passiv getragener Rumpf
Nutzung elastischer Strukturen statt aktiver Stabilisierung
Der Rücken arbeitet dabei eher als:
Schwingungsträger
nicht als tragende Struktur
Das bedeutet:Ein rohes Pferd kann sich zwar bewegen, aber es trägt nicht aktiv.
3. Was passiert, wenn der Reiter dazukommt?
Mit dem Aufsteigen verändert sich das System grundlegend:
3.1 Verschiebung der Last
Zusätzliches Gewicht wirkt auf den Rücken
Schwerpunkt verschiebt sich weiter nach vorne
Vorhand wird stärker belastet
3.2 Notwendigkeit aktiver Stabilisierung
Das Pferd muss nun:
den Rumpf zwischen den Schulterblättern anheben
die Wirbelsäule stabilisieren
Schwingung kontrollieren statt nur zuzulassen
3.3 Kompensationsstrategien (bei fehlender Tragkraft)
Ohne entsprechende Ausbildung entstehen typische Muster:
Absinken des Brustkorbs
Durchgedrückter Rücken
Festhalten im Unterhals
Verkürzte Hinterhandaktivität
Das Pferd „bewegt sich“ weiterhin – aber:
Es trägt nicht, sondern kompensiert.
4. Warum Bewegung nicht gleich Tragkraft ist
Ein zentraler Denkfehler im Reitsport ist die Gleichsetzung von:
„Das Pferd läuft“ = „Das Pferd kann tragen“
Das ist biomechanisch falsch.
Ein Pferd kann:
fleißig vorwärts gehen
große Bewegungen zeigen
sogar spektakulär wirken
… und gleichzeitig:
den Rumpf nicht anheben
die Wirbelsäule nicht stabilisieren
die Hinterhand nicht tragend einsetzen
Bewegung beschreibt:
Ortsveränderung
Tragkraft beschreibt:
Qualität der Lastaufnahme und -verarbeitung
Das sind zwei unterschiedliche Ebenen.
5. Der Rumpfträger und das Auf- und Abschwingen
Ein Schlüssel zur Tragkraft liegt im sogenannten Rumpfträger-System.
5.1 Funktion des Rumpfträgers
Der Rumpf hängt beim Pferd zwischen den Vordergliedmaßen – er ist nicht knöchern aufgehängt.Die Stabilisierung erfolgt muskulär, insbesondere durch:
M. serratus ventralis
Bauchmuskulatur
tiefe Rückenmuskulatur
5.2 Auf- und Abschwingen des Rumpfes
In der Bewegung entsteht ein rhythmisches:
Absenken (Belastung)
Anheben (Entlastung)
Bei einem tragfähigen Pferd:
wird die Abwärtsbewegung kontrolliert
folgt eine aktive Aufwärtsreaktion
Bei Trageschwäche:
dominiert das Absinken
das Wiederanheben bleibt unzureichend
Das Ergebnis:
„hängender“ Rücken
erhöhte Belastung der Strukturen
langfristig Verschleiß
6. Systematischer Aufbau von Tragkraft
Tragkraft entsteht nicht durch „viel Reiten“, sondern durch gezielte funktionelle Gymnastizierung.
6.1 Voraussetzungen
Losgelassenheit (ohne Spannung kein funktioneller Muskelaufbau)
Takt (koordiniertes Bewegungsmuster)
Gleichgewicht
6.2 Zentrale Trainingsprinzipien
1. Aktivierung der Bauchmuskulatur
fördert das Anheben des Brustkorbs
stabilisiert die Wirbelsäule
2. Förderung der Hinterhandfunktion
vermehrtes Beugen der Gelenke
vermehrte Lastaufnahme
3. Verbesserung der Koordination
Übergänge
Tempounterschiede
Linienführung
4. Arbeit am Gleichgewicht
insbesondere auf gebogenen Linien
differenzierte Lastverteilung
5. Dosierung
Tragkraft ist ermüdbar
Überforderung führt zu Kompensation statt Aufbau
7. Warum Trageschwäche heute so häufig ist
Der Begriff „Trageschwäche“ ist in den letzten Jahren zunehmend präsent – aus mehreren Gründen:
7.1 Zuchtentwicklung
Selektion auf Bewegungsausdruck statt Funktion
größere, schwerere Bewegungen bei oft unzureichender Stabilität
7.2 Trainingsdefizite
Fokus auf „Vorwärts“ statt auf Qualität
mangelndes Verständnis biomechanischer Zusammenhänge
7.3 Frühe Belastung
zu frühes Anreiten
unzureichende Vorbereitung des Bewegungsapparates
7.4 Haltungsbedingungen
Bewegungsmangel
fehlende natürliche Belastungsvariationen
7.5 Wahrnehmungsproblem
Viele Reiter erkennen Trageschwäche nicht, weil:
Bewegung mit Tragfähigkeit verwechselt wird
Kompensationsmuster „normal“ wirken
8. Fazit
Tragkraft ist keine Selbstverständlichkeit, sondern:
eine erarbeitete Fähigkeit, die aus funktioneller Bewegung entsteht.
Ein Pferd wird nicht tragfähig durch:
Reiten an sich
oder durch „mehr Bewegung“
Sondern durch:
gezielte, systematische Entwicklung seiner körperlichen Möglichkeiten
Der zentrale Punkt ist dabei:
Tragkraft beginnt dort, wo das Pferd lernt, seinen Rumpf aktiv zu organisieren –nicht nur, sich fortzubewegen.
Literaturverzeichnis
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