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Tragkraft beim Pferd

Definition, biomechanische Zusammenhänge und systematischer Aufbau


1. Was versteht man unter Tragkraft?


Der Begriff Tragkraft beschreibt die Fähigkeit des Pferdes, das zusätzliche Gewicht des Reiters funktionell sinnvoll, biomechanisch effizient und langfristig gesund zu tragen. Dabei geht es nicht um ein rein statisches „Aushalten“, sondern um eine aktive, dynamisch organisierte Leistung des gesamten Bewegungsapparates.


Reiter auf trageschwachem Pferd

Tragkraft ist somit kein isoliertes Merkmal einzelner Strukturen, sondern ein koordiniertes Zusammenspiel aus:


  • Muskulatur (insbesondere Rumpfträger, Bauchmuskulatur, Hinterhand)

  • Faszienstrukturen

  • Gelenkmechanik

  • neuronaler Ansteuerung


Entscheidend ist:Ein Pferd besitzt nicht automatisch Tragkraft – es muss sie entwickeln.


2. Tragkraft beim rohen Pferd


Ein nicht gerittenes Pferd ist biomechanisch nicht auf das Tragen eines Reiters ausgelegt, sondern auf:


  • ökonomische Fortbewegung

  • Fluchtfähigkeit

  • Energieeffizienz in der Herde


Charakteristisch ist dabei:

  • Vorhandlastige Bewegung (ca. 60–65 % Gewicht vorne)

  • Relativ passiv getragener Rumpf

  • Nutzung elastischer Strukturen statt aktiver Stabilisierung


Der Rücken arbeitet dabei eher als:

  • Schwingungsträger

  • nicht als tragende Struktur


Das bedeutet:Ein rohes Pferd kann sich zwar bewegen, aber es trägt nicht aktiv.


3. Was passiert, wenn der Reiter dazukommt?


Mit dem Aufsteigen verändert sich das System grundlegend:


3.1 Verschiebung der Last

  • Zusätzliches Gewicht wirkt auf den Rücken

  • Schwerpunkt verschiebt sich weiter nach vorne

  • Vorhand wird stärker belastet


3.2 Notwendigkeit aktiver Stabilisierung

Das Pferd muss nun:

  • den Rumpf zwischen den Schulterblättern anheben

  • die Wirbelsäule stabilisieren

  • Schwingung kontrollieren statt nur zuzulassen


3.3 Kompensationsstrategien (bei fehlender Tragkraft)

Ohne entsprechende Ausbildung entstehen typische Muster:

  • Absinken des Brustkorbs

  • Durchgedrückter Rücken

  • Festhalten im Unterhals

  • Verkürzte Hinterhandaktivität

Das Pferd „bewegt sich“ weiterhin – aber:


Es trägt nicht, sondern kompensiert.

4. Warum Bewegung nicht gleich Tragkraft ist


Ein zentraler Denkfehler im Reitsport ist die Gleichsetzung von:

„Das Pferd läuft“ = „Das Pferd kann tragen“

Das ist biomechanisch falsch.


Ein Pferd kann:

  • fleißig vorwärts gehen

  • große Bewegungen zeigen

  • sogar spektakulär wirken


… und gleichzeitig:


  • den Rumpf nicht anheben

  • die Wirbelsäule nicht stabilisieren

  • die Hinterhand nicht tragend einsetzen


Bewegung beschreibt:

  • Ortsveränderung


Tragkraft beschreibt:

  • Qualität der Lastaufnahme und -verarbeitung


Das sind zwei unterschiedliche Ebenen.


5. Der Rumpfträger und das Auf- und Abschwingen


Ein Schlüssel zur Tragkraft liegt im sogenannten Rumpfträger-System.


5.1 Funktion des Rumpfträgers

Der Rumpf hängt beim Pferd zwischen den Vordergliedmaßen – er ist nicht knöchern aufgehängt.Die Stabilisierung erfolgt muskulär, insbesondere durch:

  • M. serratus ventralis

  • Bauchmuskulatur

  • tiefe Rückenmuskulatur


5.2 Auf- und Abschwingen des Rumpfes

In der Bewegung entsteht ein rhythmisches:

  • Absenken (Belastung)

  • Anheben (Entlastung)


Bei einem tragfähigen Pferd:

  • wird die Abwärtsbewegung kontrolliert

  • folgt eine aktive Aufwärtsreaktion


Bei Trageschwäche:

  • dominiert das Absinken

  • das Wiederanheben bleibt unzureichend


Das Ergebnis:

  • „hängender“ Rücken

  • erhöhte Belastung der Strukturen

  • langfristig Verschleiß


6. Systematischer Aufbau von Tragkraft


Tragkraft entsteht nicht durch „viel Reiten“, sondern durch gezielte funktionelle Gymnastizierung.


6.1 Voraussetzungen

  • Losgelassenheit (ohne Spannung kein funktioneller Muskelaufbau)

  • Takt (koordiniertes Bewegungsmuster)

  • Gleichgewicht


6.2 Zentrale Trainingsprinzipien


1. Aktivierung der Bauchmuskulatur

  • fördert das Anheben des Brustkorbs

  • stabilisiert die Wirbelsäule


2. Förderung der Hinterhandfunktion

  • vermehrtes Beugen der Gelenke

  • vermehrte Lastaufnahme


3. Verbesserung der Koordination

  • Übergänge

  • Tempounterschiede

  • Linienführung


4. Arbeit am Gleichgewicht

  • insbesondere auf gebogenen Linien

  • differenzierte Lastverteilung


5. Dosierung

  • Tragkraft ist ermüdbar

  • Überforderung führt zu Kompensation statt Aufbau


7. Warum Trageschwäche heute so häufig ist


Der Begriff „Trageschwäche“ ist in den letzten Jahren zunehmend präsent – aus mehreren Gründen:


7.1 Zuchtentwicklung

  • Selektion auf Bewegungsausdruck statt Funktion

  • größere, schwerere Bewegungen bei oft unzureichender Stabilität


7.2 Trainingsdefizite

  • Fokus auf „Vorwärts“ statt auf Qualität

  • mangelndes Verständnis biomechanischer Zusammenhänge


7.3 Frühe Belastung

  • zu frühes Anreiten

  • unzureichende Vorbereitung des Bewegungsapparates


7.4 Haltungsbedingungen

  • Bewegungsmangel

  • fehlende natürliche Belastungsvariationen


7.5 Wahrnehmungsproblem

Viele Reiter erkennen Trageschwäche nicht, weil:

  • Bewegung mit Tragfähigkeit verwechselt wird

  • Kompensationsmuster „normal“ wirken


8. Fazit


Tragkraft ist keine Selbstverständlichkeit, sondern:

eine erarbeitete Fähigkeit, die aus funktioneller Bewegung entsteht.

Ein Pferd wird nicht tragfähig durch:

  • Reiten an sich

  • oder durch „mehr Bewegung“

Sondern durch:

  • gezielte, systematische Entwicklung seiner körperlichen Möglichkeiten


Der zentrale Punkt ist dabei:

Tragkraft beginnt dort, wo das Pferd lernt, seinen Rumpf aktiv zu organisieren –nicht nur, sich fortzubewegen.

Literaturverzeichnis


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