Magengeschwüre beim Pferd – Pathophysiologie, Ursachen und der Einfluss von Haltung und Nutzung
- sabinelagies
- 31. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Apr.
Das Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS) zählt zu den häufigsten internistischen Erkrankungen des Pferdes. Insbesondere bei Sportpferden werden Prävalenzen von bis zu 80–90 % beschrieben (Sykes et al., 2015; Murray et al., 1996).
EGUS ist dabei nicht als isolierte Erkrankung zu verstehen, sondern als Ausdruck eines Ungleichgewichts zwischen physiologischer Anpassung des Pferdes und den Bedingungen moderner Haltung, Fütterung und Nutzung.

1. Anatomisch-physiologische Grundlagen
Der Pferdemagen ist funktionell zweigeteilt:
Pars nonglandularis (drüsenlos) → keine aktive Schutzschicht
Pars glandularis (drüsenhaltig) → Schleim- und Bikarbonatproduktion
Ein zentraler physiologischer Aspekt ist die kontinuierliche Magensäureproduktion, unabhängig von der Futteraufnahme (Murray, 1999).
Gleichzeitig wird der wichtigste Schutzmechanismus – Speichel – ausschließlich beim Kauen produziert.
→ Daraus ergibt sich ein fundamentales Prinzip:Ohne kontinuierliche Futteraufnahme fehlt die physiologische Säurepufferung.
2. Pathophysiologie: So entstehen Magengeschwüre
Die Entstehung von Magengeschwüren folgt einem klassischen Modell:Ungleichgewicht zwischen aggressiven Faktoren und Schleimhautschutz (Sykes et al., 2015).
Aggressive Faktoren
Salzsäure (HCl)
Pepsin
Gallensäuren (Duodenalreflux)
flüchtige Fettsäuren
Schutzmechanismen
Schleim- und Bikarbonatschicht
ausreichende Durchblutung
kontinuierliche Speichelproduktion
Kommt es zu einer Verschiebung zugunsten der aggressiven Faktoren, entstehen zunächst Erosionen und schließlich Ulzera.
3. Zentrale Ursachen
3.1 Fresspausen bei kontinuierlicher Säureproduktion
Das Pferd ist evolutiv auf nahezu permanente Futteraufnahme ausgelegt (16–20 Stunden täglich).
Werden Fresspausen erzwungen:
sinkt der pH-Wert im Magen
fehlt die Speichelpufferung
steigt die Säureexposition
→ Bereits kurze Nahrungskarenzen können Schleimhautschäden begünstigen (Murray, 1999).
3.2 Fütterungsmanagement
Risikofaktoren:
hoher Kraftfutteranteil
niedriger Rohfaseranteil
wenige Fütterungszeitpunkte
Mechanismen:
reduzierte Kautätigkeit → weniger Speichel
verändertes mikrobielles Milieu
fehlende Faserabdeckung im Magen
Der protektive Effekt von Raufutter ist gut belegt (Vervuert & Coenen, 2004).
3.3 Haltung und Stress
Stress wirkt direkt auf die Magenschleimhaut:
Aktivierung des Sympathikus
reduzierte Durchblutung
gestörte Schleimproduktion
Typische Stressoren:
Boxenhaltung
soziale Instabilität
Transport und Turniere
Trainingsdruck
→ Diese Faktoren erhöhen signifikant das Risiko für EGUS (Gehlen, 2021; Luthersson et al., 2009).
3.4 Schmerz und Verspannung
Chronische Schmerzen (z. B. durch Ausrüstung, orthopädische Probleme oder dauerhafte muskuläre Spannung) führen zu einer dauerhaften Stressreaktion.
→ Diese wirkt indirekt auf die Magenschleimhaut und begünstigt Ulzera (Sykes et al., 2015).
3.5 Training und biomechanische Faktoren
Während Bewegung – insbesondere im Trab und Galopp – kommt es zu:
erhöhtem intraabdominalem Druck
Durchmischung des Mageninhalts
„Säuresplash“ in die Pars nonglandularis
Risikoverstärkend wirken:
enge Halsführung
fehlende Rumpftragefähigkeit
kompensatorische Spannung
→ Hier entsteht eine direkte Verbindung zwischen Biomechanik und innerer Pathophysiologie.
3.6 Medikamente
Nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAIDs):
hemmen Prostaglandine
reduzieren Schleimhautdurchblutung
→ Schwächung der Schutzmechanismen (Prieß, 2020).
4. Natürliche Lebensweise vs. Haltung
4.1 Natürliche Lebensweise
Das Pferd ist angepasst an:
kontinuierliche Futteraufnahme (16–20 h/Tag)
rohfaserreiche Nahrung
permanente Bewegung
stabile Sozialstrukturen
Konsequenz:
kontinuierliche Speichelproduktion
stabile Pufferung
geringe Säureexposition
4.2 Haltung in Menschenhand
Typische Abweichungen:
Mahlzeitenfütterung
hoher Kraftfutteranteil
eingeschränkte Bewegung
soziale und psychische Stressoren
→ Diese betreffen direkt die physiologischen Schutzmechanismen.
4.3 Vorkommen in freier Natur
Magengeschwüre können auch bei frei lebenden Pferden auftreten, insbesondere bei:
Nahrungsmangel
Krankheit
extremen Stresssituationen
Allerdings gilt: Häufigkeit und Schweregrad sind unter natürlichen Bedingungen deutlich geringer (Sykes et al., 2015; Andrews et al., 2005).
5. Einordnung: Systemisches Problem
Magengeschwüre entstehen nicht monokausal, sondern durch die Kombination mehrerer Faktoren:
Natürliche Situation | Haltung |
Dauerfressen | Fresspausen |
Rohfaserreich | Kraftfutterreich |
Bewegung | Bewegungsmangel |
Sozial stabil | Stress/Wechsel |
geringe mechanische Belastung | Trainingseinflüsse |
➝ EGUS ist primär ein Management- und Nutzungsthema.
6. Checkliste für Reiter und Halter (praxisnah)
Fütterung
☐ Heu möglichst ad libitum oder in vielen kleinen Portionen
☐ Kraftfutter reduzieren bzw. kritisch hinterfragen
☐ Keine langen Fresspausen (>4 Stunden)
Haltung
☐ Ausreichend freie Bewegung (nicht nur Training)
☐ Sozial stabile Gruppen
☐ Stressarme Umgebung (Futterplätze, Rangordnung berücksichtigen)
Training
☐ Kein Reiten mit leerem Magen (Heu vor der Arbeit)
☐ Halsposition funktionell statt eng
☐ Fokus auf Rumpftragefähigkeit statt Tempo
Gesundheit
☐ Sattel, Zaumzeug und Zähne regelmäßig überprüfen
☐ Schmerzursachen ernst nehmen
☐ Medikamente (v. a. NSAIDs) kritisch einsetzen
➝ Leitfrage:Unterstützt mein Management die Physiologie des Pferdes – oder arbeitet es dagegen?
Fazit
Magengeschwüre beim Pferd entstehen aus der Diskrepanz zwischen:
kontinuierlicher Säureproduktion
diskontinuierlicher Fütterung
Stress und Haltungseinflüssen
biomechanischer Nutzung
➝ EGUS ist ein Indikator für systemische Fehlanpassungen im Umgang mit dem Pferd.
Dieser Artikel ist Teil der Grundlagen Pferdefütterung.
Literaturverzeichnis
Andrews, F.M., Buchanan, B.R., Elliott, S.B., Al Jassim, R.A.M. & McGowan, C.M. (2005): Gastric ulcers in horses. Journal of Animal Science, 83(E. Suppl.), E18–E21.
Bell, R.J.W., Kingston, J.K., Mogg, T.D. & Perkins, N.R. (2007): The prevalence of gastric ulceration in racehorses in New Zealand. New Zealand Veterinary Journal, 55(1), 13–18.
Gehlen, H. (2021): Klinische Relevanz des Equinen Magengeschwürsyndroms. Pferdeheilkunde, 37(2), 115–124.
Luthersson, N., Nielsen, K.H., Harris, P. & Parkin, T.D.H. (2009): Risk factors associated with equine gastric ulceration syndrome in horses. Equine Veterinary Journal, 41(7), 625–630.
Murray, M.J. (1999): Pathophysiology of gastric ulceration in horses. Equine Veterinary Education, 11(4), 199–207.
Murray, M.J., Schusser, G.F., Pipers, F.S. & Gross, S.J. (1996): Factors associated with gastric lesions in thoroughbred racehorses. Equine Veterinary Journal, 28(5), 368–374.
Prieß, A. (2020): Pathophysiologie von Magenerkrankungen beim Pferd. Dissertation, Freie Universität Berlin.
Sykes, B.W., Hewetson, M., Hepburn, R.J., Luthersson, N. & Tamzali, Y. (2015): European College of Equine Internal Medicine Consensus Statement – Equine Gastric Ulcer Syndrome in adult horses. Journal of Veterinary Internal Medicine, 29(5), 1288–1299.
Vatistas, N.J., Snyder, J.R., Carlson, G.P. et al. (1999): Cross-sectional study of gastric ulcers in thoroughbred racehorses. Equine Veterinary Journal, 31(S29), 34–39.
Vervuert, I. & Coenen, M. (2004): Nutritional risk factors of equine gastric ulcer syndrome. Pferdeheilkunde, 20(6), 507–512.
Vokes, J., Lovett, A.C. & Sykes, B.W. (2023): Equine Gastric Ulcer Syndrome: An update on current knowledge. Animals, 13(6), 1010.
