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Übergewicht beim Pferd – warum „gut genährt“ oft schon zu viel ist

Die Einschätzung des Körpergewichts gehört zu den am häufigsten unterschätzten Faktoren im Pferdemanagement. Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Anteil der heutigen Freizeitpferde übergewichtig oder adipös ist – in manchen Populationen betrifft das bis zur Hälfte der Tiere (Wyse et al. 2008; Janowitz 2025).


Gleichzeitig wird der Ernährungszustand häufig falsch eingeschätzt. Viele Pferde gelten als „normal“, obwohl sie bereits deutlich zu viel Körperfett eingelagert haben (Müller 2006).


übergewichtiges Pferd mit typischen Fettpolstern

Woran erkennst du Übergewicht beim Pferd?


Die Beurteilung erfolgt über den Body Condition Score (BCS) sowie über gezielte Blickdiagnostik und Abtasten.


Einfache Faustregel

  • Rippen: sollten bei Bewegung oder in der Biegung leicht sichtbar oder gut tastbar sein

  • Hals: kein harter, aufgewölbter Mähnenkamm

  • Schulter/Widerrist: klar konturiert, nicht „eingepackt“

  • Kruppe: keine weichen Fettpolster neben dem Schweifansatz


Ein BCS von 7 gilt bereits als übergewichtig, ab 8 spricht man von Adipositas (Reed et al. 2010).


Typische Fettdepots

  • Mähnenkamm („Cresty Neck“)

  • hinter der Schulter

  • Kruppe / Schweifansatz

  • Brustwand

Diese Depots sind metabolisch aktiv und stehen in engem Zusammenhang mit Stoffwechselstörungen (Müller 2006; Warnken 2018).


Weitere, oft übersehene Kennzeichen von Übergewicht


Neben den klassischen Fettdepots gibt es eine Reihe subtiler Hinweise, die im Alltag leicht erkennbar sind – und häufig früher auftreten:


Verwaschene Körperkonturen

  • Schulter, Hals und Rumpf gehen ohne klare Linien ineinander über

  • der Widerrist wirkt flach oder „eingebettet“


Weiches, verschiebliches Gewebe

  • Fett fühlt sich teigig oder schwammig an

  • bei Druck bleibt kurzfristig eine Delle

→ klare Abgrenzung zur Muskulatur, die fest-elastisch ist


„Falsche Muskulatur“

  • ein dicker Hals wird als Trainingserfolg interpretiert

  • tatsächlich handelt es sich oft um seitliche Fettauflagerungen, nicht um funktionelle Oberlinie


Frühes und starkes Schwitzen

  • unverhältnismäßige Schweißbildung bei geringer Belastung

  • schnellere Ermüdung

→ Hinweis auf erhöhte Stoffwechsel- und Kreislaufbelastung


Reduzierte Bewegungsqualität

  • kürzere Schritte

  • weniger Raumgriff

  • insgesamt „schwerfälliger“ Eindruck


Mechanische Auffälligkeiten

  • Scheuerstellen durch Hautfalten

  • veränderte Sattel- und Gurtlage

  • instabile Passform trotz passenden Equipments

Diese Veränderungen sind funktionell relevant und sollten nicht als „Typfrage“ abgetan werden (Müller 2006).


„Hafertaler“ im Fell – kosmetisch oder Warnsignal?


Die sogenannten „Hafertaler“ (runde Dellen im Fell) werden oft als harmlos angesehen – tatsächlich sind sie ein Hinweis auf:

  • lokale Fettstoffwechselstörungen

  • unregelmäßige Fettverteilung im Unterhautgewebe

  • häufig eine beginnende oder bestehende Insulinresistenz

Sie treten vor allem bei übergewichtigen Pferden auf und sollten als frühes Warnsignal ernst genommen werden (Müller 2006).


Warum sind so viele Pferde zu dick?

Die Ursache ist fast immer ein Ungleichgewicht:


Energiezufuhr übersteigt den Energieverbrauch

Typische Faktoren

  • dauerhaft reichliches Raufutter ohne Anpassung

  • energiereiches Weidegras

  • unnötige Kraftfuttergaben

  • zu wenig Bewegung


Gerade der Bewegungsmangel spielt eine zentrale Rolle: Bewegung verbessert die Insulinsensitivität und reguliert den Energiestoffwechsel. Fehlt sie, werden überschüssige Energien bevorzugt als Fett gespeichert (Gehlen et al. 2022).


Risiken von Übergewicht


Übergewicht ist kein optisches Problem, sondern ein medizinischer Risikofaktor.


Equines Metabolisches Syndrom (EMS)

  • Kombination aus Übergewicht und gestörter Insulinregulation

Insulinresistenz

  • zentrale Stoffwechselstörung

Hufrehe (Laminitis)

  • schwerwiegende Folge mit enger Verbindung zum Energiestoffwechsel

Weitere Auswirkungen

  • entzündliche Prozesse

  • Herz-Kreislauf-Belastung

  • orthopädische Probleme

(Müller 2006; Treiber et al. 2007; Gehlen et al. 2022)


Bewegungsmangel – der zentrale Verstärker


Das Problem ist selten nur die Fütterung. Entscheidend ist die Kombination aus:

  • konstanter Energiezufuhr

  • reduzierter Bewegung

Ein modernes Freizeitpferd bewegt sich oft deutlich unter seinem physiologischen Bedarf. Gleichzeitig bleibt die Energiezufuhr hoch – ein klassischer Mechanismus für Übergewicht und Stoffwechselstörungen.


Fazit


Übergewicht ist beim Pferd längst zur Normalität geworden – und genau das macht es so tückisch.

Neben den klassischen Fettdepots liefern vor allem die subtilen Veränderungen im Erscheinungsbild und Verhalten entscheidende Hinweise. Wer diese früh erkennt, kann rechtzeitig gegensteuern.


Checkliste für Pferdehalter

  • ☐ Rippen nicht sichtbar oder schwer tastbar

  • ☐ fester, erhöhter Mähnenkamm

  • ☐ Fettpolster an Kruppe oder Schulter

  • ☐ „Hafertaler“ im Fell sichtbar

  • ☐ verwaschene Körperkonturen

  • ☐ weiches, teigiges Gewebe

  • ☐ schnelles Schwitzen bei geringer Belastung

  • ☐ reduzierte Bewegungsqualität

  • ☐ wenig Bewegung bei gleichzeitig reichlicher Fütterung


→ Treffen mehrere Punkte zu, besteht Handlungsbedarf.


Dieser Artikel ist Teil der Grundlagen Pferdefütterung.


Literaturverzeichnis


Carter, R. A.; Geor, R. J.; Burton Staniar, W.; Cubitt, T. A.; Harris, P. A. (2009): Apparent adiposity assessed by standardised scoring systems and morphometric measurements in horses and ponies. The Veterinary Journal, 179(2), 204–210.

Gehlen, H.; Schwarz, B.; Barton, A. (2022): Einfluss von Bewegung und Fütterung auf die Insulinsensitivität beim Pferd. Pferdeheilkunde, 38(2), 123–134.

Harris, P. A.; Ellis, A. D.; Fradinho, M. J.; Jansson, A.; Julliand, V.; Luthersson, N.; Santos, A. S.; Vervuert, I. (2017): Review: Feeding conserved forage to horses: recent advances and recommendations. Animal, 11(6), 958–967.

Janowitz, J. (2025): Barrieren bei der Prävention und Therapie von Übergewicht beim Pferd. Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Kienzle, E.; Zehnder, C. (2010): Body condition scoring und Gewichtsschätzung beim Pferd – Methoden und Aussagekraft. Tierärztliche Praxis Großtiere, 38(4), 225–232.

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Pollitt, C. C. (2004): Equine laminitis: a revised pathophysiology. Proceedings of the American Association of Equine Practitioners, 50, 139–144.

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Treiber, K. H.; Kronfeld, D. S.; Hess, T. M.; Boston, R. C.; Harris, P. A. (2006): Insulin resistance and compensation in Thoroughbred weanlings adapted to high-glycemic meals. Journal of Animal Science, 84(9), 2357–2364.

Treiber, K. H.; Kronfeld, D. S.; Geor, R. J. (2007): Insulin resistance in equids: possible role in laminitis. The Journal of Nutrition, 137(9), 2094S–2098S.

Warnken, T. (2018): Das Equine Metabolische Syndrom (EMS) – Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Dissertation, Tierärztliche Hochschule Hannover.

Wyse, C. A.; McNie, K. A.; Tannahill, V. J.; Murray, J. K.; Love, S. (2008): Prevalence of obesity in riding horses in Scotland. The Veterinary Record, 162(18), 590–591.

Frank, N.; Geor, R. J.; Bailey, S. R.; Durham, A. E.; Johnson, P. J. (2010): Equine metabolic syndrome. Journal of Veterinary Internal Medicine, 24(3), 467–475.

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