Übergewicht beim Pferd – warum „gut genährt“ oft schon zu viel ist
- sabinelagies
- 2. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Die Einschätzung des Körpergewichts gehört zu den am häufigsten unterschätzten Faktoren im Pferdemanagement. Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Anteil der heutigen Freizeitpferde übergewichtig oder adipös ist – in manchen Populationen betrifft das bis zur Hälfte der Tiere (Wyse et al. 2008; Janowitz 2025).
Gleichzeitig wird der Ernährungszustand häufig falsch eingeschätzt. Viele Pferde gelten als „normal“, obwohl sie bereits deutlich zu viel Körperfett eingelagert haben (Müller 2006).

Woran erkennst du Übergewicht beim Pferd?
Die Beurteilung erfolgt über den Body Condition Score (BCS) sowie über gezielte Blickdiagnostik und Abtasten.
Einfache Faustregel
Rippen: sollten bei Bewegung oder in der Biegung leicht sichtbar oder gut tastbar sein
Hals: kein harter, aufgewölbter Mähnenkamm
Schulter/Widerrist: klar konturiert, nicht „eingepackt“
Kruppe: keine weichen Fettpolster neben dem Schweifansatz
Ein BCS von 7 gilt bereits als übergewichtig, ab 8 spricht man von Adipositas (Reed et al. 2010).
Typische Fettdepots
Mähnenkamm („Cresty Neck“)
hinter der Schulter
Kruppe / Schweifansatz
Brustwand
Diese Depots sind metabolisch aktiv und stehen in engem Zusammenhang mit Stoffwechselstörungen (Müller 2006; Warnken 2018).
Weitere, oft übersehene Kennzeichen von Übergewicht
Neben den klassischen Fettdepots gibt es eine Reihe subtiler Hinweise, die im Alltag leicht erkennbar sind – und häufig früher auftreten:
Verwaschene Körperkonturen
Schulter, Hals und Rumpf gehen ohne klare Linien ineinander über
der Widerrist wirkt flach oder „eingebettet“
Weiches, verschiebliches Gewebe
Fett fühlt sich teigig oder schwammig an
bei Druck bleibt kurzfristig eine Delle
→ klare Abgrenzung zur Muskulatur, die fest-elastisch ist
„Falsche Muskulatur“
ein dicker Hals wird als Trainingserfolg interpretiert
tatsächlich handelt es sich oft um seitliche Fettauflagerungen, nicht um funktionelle Oberlinie
Frühes und starkes Schwitzen
unverhältnismäßige Schweißbildung bei geringer Belastung
schnellere Ermüdung
→ Hinweis auf erhöhte Stoffwechsel- und Kreislaufbelastung
Reduzierte Bewegungsqualität
kürzere Schritte
weniger Raumgriff
insgesamt „schwerfälliger“ Eindruck
Mechanische Auffälligkeiten
Scheuerstellen durch Hautfalten
veränderte Sattel- und Gurtlage
instabile Passform trotz passenden Equipments
Diese Veränderungen sind funktionell relevant und sollten nicht als „Typfrage“ abgetan werden (Müller 2006).
„Hafertaler“ im Fell – kosmetisch oder Warnsignal?
Die sogenannten „Hafertaler“ (runde Dellen im Fell) werden oft als harmlos angesehen – tatsächlich sind sie ein Hinweis auf:
lokale Fettstoffwechselstörungen
unregelmäßige Fettverteilung im Unterhautgewebe
häufig eine beginnende oder bestehende Insulinresistenz
Sie treten vor allem bei übergewichtigen Pferden auf und sollten als frühes Warnsignal ernst genommen werden (Müller 2006).
Warum sind so viele Pferde zu dick?
Die Ursache ist fast immer ein Ungleichgewicht:
Energiezufuhr übersteigt den Energieverbrauch
Typische Faktoren
dauerhaft reichliches Raufutter ohne Anpassung
energiereiches Weidegras
unnötige Kraftfuttergaben
zu wenig Bewegung
Gerade der Bewegungsmangel spielt eine zentrale Rolle: Bewegung verbessert die Insulinsensitivität und reguliert den Energiestoffwechsel. Fehlt sie, werden überschüssige Energien bevorzugt als Fett gespeichert (Gehlen et al. 2022).
Risiken von Übergewicht
Übergewicht ist kein optisches Problem, sondern ein medizinischer Risikofaktor.
Equines Metabolisches Syndrom (EMS)
Kombination aus Übergewicht und gestörter Insulinregulation
Insulinresistenz
zentrale Stoffwechselstörung
Hufrehe (Laminitis)
schwerwiegende Folge mit enger Verbindung zum Energiestoffwechsel
Weitere Auswirkungen
entzündliche Prozesse
Herz-Kreislauf-Belastung
orthopädische Probleme
(Müller 2006; Treiber et al. 2007; Gehlen et al. 2022)
Bewegungsmangel – der zentrale Verstärker
Das Problem ist selten nur die Fütterung. Entscheidend ist die Kombination aus:
konstanter Energiezufuhr
reduzierter Bewegung
Ein modernes Freizeitpferd bewegt sich oft deutlich unter seinem physiologischen Bedarf. Gleichzeitig bleibt die Energiezufuhr hoch – ein klassischer Mechanismus für Übergewicht und Stoffwechselstörungen.
Fazit
Übergewicht ist beim Pferd längst zur Normalität geworden – und genau das macht es so tückisch.
Neben den klassischen Fettdepots liefern vor allem die subtilen Veränderungen im Erscheinungsbild und Verhalten entscheidende Hinweise. Wer diese früh erkennt, kann rechtzeitig gegensteuern.
Checkliste für Pferdehalter
☐ Rippen nicht sichtbar oder schwer tastbar
☐ fester, erhöhter Mähnenkamm
☐ Fettpolster an Kruppe oder Schulter
☐ „Hafertaler“ im Fell sichtbar
☐ verwaschene Körperkonturen
☐ weiches, teigiges Gewebe
☐ schnelles Schwitzen bei geringer Belastung
☐ reduzierte Bewegungsqualität
☐ wenig Bewegung bei gleichzeitig reichlicher Fütterung
→ Treffen mehrere Punkte zu, besteht Handlungsbedarf.
Dieser Artikel ist Teil der Grundlagen Pferdefütterung.
Literaturverzeichnis
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