Verhaltensindikatoren für chronischen Stress beim Pferd
- sabinelagies
- 1. Apr.
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Ethologische und physiologische Einordnung zwischen Anpassungsreaktion, Verhaltensstörung und systemischer Belastung
1. Einleitung
Stress stellt beim Pferd eine unspezifische Anpassungsreaktion dar, die sowohl verhaltensbiologisch als auch physiologisch wirksam ist. Während akute Stressreaktionen funktional sind, führt eine chronische Aktivierung zu tiefgreifenden Veränderungen:
neuroendokrin (HPA-Achse)
immunologisch
verhaltensbezogen
Damit ist Stress nicht nur ein Verhaltensphänomen, sondern ein systemischer Zustand, der sich auf mehreren Ebenen manifestiert (Niederhöfer, 2009).

2. Theoretischer Rahmen: Stress, Coping und Verhaltenspathologie
Stressassoziiertes Verhalten lässt sich funktionell differenzieren in:
adaptive Reaktionen
kompensatorische Strategien
Stereotypien
Stereotypien sind:
repetitiv
invariant
kontextunabhängig
und gelten als Indikatoren chronisch inadäquater Umweltbedingungen, nicht als isolierte Verhaltensprobleme (Mason, 1991).
3. Klassische Stereotypien
3.1 Lokomotorische Stereotypien
Weben
Boxenlaufen
Zaunlaufen / Trampelpfade
persistentes Scharren
→ primär assoziiert mit Bewegungsrestriktion und sozialer Isolation(Bredenbröker, 2003)
3.2 Orale Stereotypien
Koppen
Holz- und Materialbenagen
Leerkauen, Zungenbewegungen
exzessives Lecken
→ häufig im Kontext von Futterrestriktion→ teilweise stressmodulierende Wirkung (Nagy et al., 2008)
4. Subklinische Verhaltensindikatoren
4.1 Objektbezogenes Verhalten
Lehnen/Drücken → Scheuerstellen
Benagen von Objekten
Lippen- und Zungenspiel
repetitive Manipulation
→ häufig Vorstufen stereotypen Verhaltens
4.2 Aktivitätsmuster
Hyperreaktivität (Unruhe)
Hyporeaktivität (Apathie)
→ Hinweis auf unterschiedliche Stressverarbeitungsstrategien(Seligman, 1975; Visser et al., 2003)
4.3 Sozialverhalten
Aggression
Rückzug
instabile Interaktionen
(Zeitler-Feicht, 2001)
5. Stress unter dem Reiter
erhöhte Bewegungsfrequenz bei reduzierter Tragfähigkeit
Taktstörungen ohne klare orthopädische Ursache
dorsale Spannung
Konfliktverhalten:
Schweifschlagen, Zähneknirschen
Widersetzlichkeit
Fluchtreaktionen
→ häufig Ausdruck von Überforderung(Ödberg, 1987)
6. Physiologische Dimension: Stress, Entzündung und SAA
Chronischer Stress wirkt direkt auf das Immunsystem.
6.1 HPA-Achse und Immundysregulation
Langfristige Aktivierung führt zu:
veränderten Cortisolprofilen
Dysregulation entzündlicher Prozesse
erhöhter Zytokinaktivität
(McEwen, 2000)
6.2 Serum-Amyloid A (SAA)
SAA ist ein Akute-Phase-Protein und ein sensitiver Marker für:
Entzündung
Gewebereaktion
systemische Belastung
(Jacobsen & Andersen, 2007)
Beim Pferd zeigt sich:
→ SAA kann nicht nur bei Infektionen steigen, sondern auch bei:
intensiver Belastung
Gewebestress
chronischer Stressbelastung
(Hultén & Demmers, 2002; Cywińska et al., 2010)
6.3 Funktionelle Einordnung
Wichtig ist die Differenzierung:
Stress verursacht keine klassische Entzündung
aber führt zu einer erhöhten Entzündungsbereitschaft
→ sogenannte „low-grade inflammation“
Damit kann SAA:
moderat erhöht sein
bei zusätzlicher Belastung deutlich ansteigen
7. Zusammenhang mit Sommerekzem
Das Sommerekzem (Insect Bite Hypersensitivity, IBH) ist eine:
allergische, immunvermittelte Hauterkrankung
mit starker entzündlicher Komponente
7.1 Stress als Modulator
Chronischer Stress beeinflusst:
Immunregulation
Hautbarriere
Entzündungsreaktionen
→ kann führen zu:
verstärkter allergischer Reaktion
erhöhter Juckreizintensität
schlechterer Regeneration
7.2 Neuroimmunologische Verbindung
Zwischen Nervensystem und Haut besteht eine enge Kopplung:
Stress → Cortisol / Neurotransmitter
→ Einfluss auf Mastzellen, Zytokine
→ Verstärkung entzündlicher Prozesse
Damit gilt:
→ Stress ist kein Primärauslöser des Sommerekzems→ aber ein relevanter Verstärker und Aufrechterhalter
7.3 Klinische Beobachtung
Pferde mit:
chronischem Stress
Haltungsdefiziten
stereotypem Verhalten
zeigen häufig:
stärkere Ekzemausprägung
schlechtere Therapieansprache
8. Checkliste: Hinweise auf chronischen Stress
Verhalten
☐ repetitive Bewegungsmuster
☐ objektbezogene Manipulation
☐ reduzierte oder übersteigerte Aktivität
Ausdruck
☐ Spannung im Gesicht
☐ Schweifschlagen, Zähneknirschen
Sozialverhalten
☐ Aggression oder Rückzug
Unter dem Reiter
☐ fehlende Losgelassenheit
☐ Konfliktverhalten
Physiologie (wenn messbar)
☐ erhöhte oder schwankende SAA-Werte
☐ unspezifische Entzündungszeichen
→ Kombination mehrerer Faktoren erhöht die Wahrscheinlichkeit chronischer Belastung deutlich
9. Fazit
Chronischer Stress beim Pferd ist ein multidimensionales Geschehen:
sichtbar im Verhalten
messbar in physiologischen Parametern
wirksam im Immunsystem
Die Verbindung zwischen:
Verhalten (z. B. Stereotypien)
Entzündungsprozessen (SAA)
Erkrankungen (z. B. Sommerekzem)
macht deutlich:
→ Stress ist kein isoliertes Problem→ sondern ein zentraler Einflussfaktor auf Gesundheit und Funktion
Literaturverzeichnis
Bredenbröker, D. (2003): Stereotypes Verhalten beim Pferd. Freie Universität Berlin.
Foreman, J.H.; Ferlazzo, A. (1996): Physiological responses to stress in horses. Pferdeheilkunde, 12, 401–404.
Mason, G.J. (1991): Stereotypies: a critical review. Animal Behaviour, 41, 1015–1037.
Nagy, K.; Schrott, A.; Kabai, P. (2008): Possible role of stereotypies in horses. Physiology & Behavior, 94, 320–325.
Niederhöfer, S. (2009): Stressbelastung bei Pferden unter besonderer Berücksichtigung von Haltungs- und Nutzungsfaktoren. Tierärztliche Hochschule Hannover.
Ödberg, F.O. (1978): Abnormal behaviours in horses.
Ödberg, F.O. (1987): Chronic stress and behavioural pathology in horses.
Ostertag, A.; Zeitler-Feicht, M.H. (2014): Gruppenhaltung von Pferden unter besonderer Berücksichtigung des Verhaltens.
Radtke, K. (1985): Untersuchungen zum Boxenlaufen beim Pferd.
Seligman, M.E.P. (1975): Helplessness: On depression, development and death.
Visser, E.K. et al. (2003): Responses of horses to novel stimuli.
Zeitler-Feicht, M.H. (2001): Handbuch Pferdeverhalten.
