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Verhaltensindikatoren für chronischen Stress beim Pferd

Ethologische und physiologische Einordnung zwischen Anpassungsreaktion, Verhaltensstörung und systemischer Belastung


1. Einleitung


Stress stellt beim Pferd eine unspezifische Anpassungsreaktion dar, die sowohl verhaltensbiologisch als auch physiologisch wirksam ist. Während akute Stressreaktionen funktional sind, führt eine chronische Aktivierung zu tiefgreifenden Veränderungen:

  • neuroendokrin (HPA-Achse)

  • immunologisch

  • verhaltensbezogen

Damit ist Stress nicht nur ein Verhaltensphänomen, sondern ein systemischer Zustand, der sich auf mehreren Ebenen manifestiert (Niederhöfer, 2009).


Aufsetzkopper

2. Theoretischer Rahmen: Stress, Coping und Verhaltenspathologie


Stressassoziiertes Verhalten lässt sich funktionell differenzieren in:

  • adaptive Reaktionen

  • kompensatorische Strategien

  • Stereotypien

Stereotypien sind:

  • repetitiv

  • invariant

  • kontextunabhängig

und gelten als Indikatoren chronisch inadäquater Umweltbedingungen, nicht als isolierte Verhaltensprobleme (Mason, 1991).


3. Klassische Stereotypien


3.1 Lokomotorische Stereotypien


  • Weben

  • Boxenlaufen

  • Zaunlaufen / Trampelpfade

  • persistentes Scharren

→ primär assoziiert mit Bewegungsrestriktion und sozialer Isolation(Bredenbröker, 2003)


3.2 Orale Stereotypien


  • Koppen

  • Holz- und Materialbenagen

  • Leerkauen, Zungenbewegungen

  • exzessives Lecken

→ häufig im Kontext von Futterrestriktion→ teilweise stressmodulierende Wirkung (Nagy et al., 2008)


4. Subklinische Verhaltensindikatoren


4.1 Objektbezogenes Verhalten


  • Lehnen/Drücken → Scheuerstellen

  • Benagen von Objekten

  • Lippen- und Zungenspiel

  • repetitive Manipulation

→ häufig Vorstufen stereotypen Verhaltens


4.2 Aktivitätsmuster

  • Hyperreaktivität (Unruhe)

  • Hyporeaktivität (Apathie)

→ Hinweis auf unterschiedliche Stressverarbeitungsstrategien(Seligman, 1975; Visser et al., 2003)


4.3 Sozialverhalten

  • Aggression

  • Rückzug

  • instabile Interaktionen

(Zeitler-Feicht, 2001)


5. Stress unter dem Reiter


  • erhöhte Bewegungsfrequenz bei reduzierter Tragfähigkeit

  • Taktstörungen ohne klare orthopädische Ursache

  • dorsale Spannung

Konfliktverhalten:

  • Schweifschlagen, Zähneknirschen

  • Widersetzlichkeit

  • Fluchtreaktionen

→ häufig Ausdruck von Überforderung(Ödberg, 1987)


6. Physiologische Dimension: Stress, Entzündung und SAA


Chronischer Stress wirkt direkt auf das Immunsystem.


6.1 HPA-Achse und Immundysregulation


Langfristige Aktivierung führt zu:

  • veränderten Cortisolprofilen

  • Dysregulation entzündlicher Prozesse

  • erhöhter Zytokinaktivität

(McEwen, 2000)


6.2 Serum-Amyloid A (SAA)


SAA ist ein Akute-Phase-Protein und ein sensitiver Marker für:

  • Entzündung

  • Gewebereaktion

  • systemische Belastung

(Jacobsen & Andersen, 2007)

Beim Pferd zeigt sich:

→ SAA kann nicht nur bei Infektionen steigen, sondern auch bei:

  • intensiver Belastung

  • Gewebestress

  • chronischer Stressbelastung

(Hultén & Demmers, 2002; Cywińska et al., 2010)


6.3 Funktionelle Einordnung


Wichtig ist die Differenzierung:

  • Stress verursacht keine klassische Entzündung

  • aber führt zu einer erhöhten Entzündungsbereitschaft

→ sogenannte „low-grade inflammation“

Damit kann SAA:

  • moderat erhöht sein

  • bei zusätzlicher Belastung deutlich ansteigen


7. Zusammenhang mit Sommerekzem


Das Sommerekzem (Insect Bite Hypersensitivity, IBH) ist eine:

  • allergische, immunvermittelte Hauterkrankung

  • mit starker entzündlicher Komponente


7.1 Stress als Modulator

Chronischer Stress beeinflusst:

  • Immunregulation

  • Hautbarriere

  • Entzündungsreaktionen

→ kann führen zu:

  • verstärkter allergischer Reaktion

  • erhöhter Juckreizintensität

  • schlechterer Regeneration


7.2 Neuroimmunologische Verbindung

Zwischen Nervensystem und Haut besteht eine enge Kopplung:

  • Stress → Cortisol / Neurotransmitter

  • → Einfluss auf Mastzellen, Zytokine

  • → Verstärkung entzündlicher Prozesse


Damit gilt:

→ Stress ist kein Primärauslöser des Sommerekzems→ aber ein relevanter Verstärker und Aufrechterhalter


7.3 Klinische Beobachtung


Pferde mit:

  • chronischem Stress

  • Haltungsdefiziten

  • stereotypem Verhalten

zeigen häufig:

  • stärkere Ekzemausprägung

  • schlechtere Therapieansprache


8. Checkliste: Hinweise auf chronischen Stress


Verhalten

  • ☐ repetitive Bewegungsmuster

  • ☐ objektbezogene Manipulation

  • ☐ reduzierte oder übersteigerte Aktivität

Ausdruck

  • ☐ Spannung im Gesicht

  • ☐ Schweifschlagen, Zähneknirschen

Sozialverhalten

  • ☐ Aggression oder Rückzug

Unter dem Reiter

  • ☐ fehlende Losgelassenheit

  • ☐ Konfliktverhalten

Physiologie (wenn messbar)

  • ☐ erhöhte oder schwankende SAA-Werte

  • ☐ unspezifische Entzündungszeichen


→ Kombination mehrerer Faktoren erhöht die Wahrscheinlichkeit chronischer Belastung deutlich


9. Fazit


Chronischer Stress beim Pferd ist ein multidimensionales Geschehen:

  • sichtbar im Verhalten

  • messbar in physiologischen Parametern

  • wirksam im Immunsystem

Die Verbindung zwischen:

  • Verhalten (z. B. Stereotypien)

  • Entzündungsprozessen (SAA)

  • Erkrankungen (z. B. Sommerekzem)

macht deutlich:


→ Stress ist kein isoliertes Problem→ sondern ein zentraler Einflussfaktor auf Gesundheit und Funktion


Literaturverzeichnis


Bredenbröker, D. (2003): Stereotypes Verhalten beim Pferd. Freie Universität Berlin.

Foreman, J.H.; Ferlazzo, A. (1996): Physiological responses to stress in horses. Pferdeheilkunde, 12, 401–404.

Mason, G.J. (1991): Stereotypies: a critical review. Animal Behaviour, 41, 1015–1037.

Nagy, K.; Schrott, A.; Kabai, P. (2008): Possible role of stereotypies in horses. Physiology & Behavior, 94, 320–325.

Niederhöfer, S. (2009): Stressbelastung bei Pferden unter besonderer Berücksichtigung von Haltungs- und Nutzungsfaktoren. Tierärztliche Hochschule Hannover.

Ödberg, F.O. (1978): Abnormal behaviours in horses.

Ödberg, F.O. (1987): Chronic stress and behavioural pathology in horses.

Ostertag, A.; Zeitler-Feicht, M.H. (2014): Gruppenhaltung von Pferden unter besonderer Berücksichtigung des Verhaltens.

Radtke, K. (1985): Untersuchungen zum Boxenlaufen beim Pferd.

Seligman, M.E.P. (1975): Helplessness: On depression, development and death.

Visser, E.K. et al. (2003): Responses of horses to novel stimuli.

Zeitler-Feicht, M.H. (2001): Handbuch Pferdeverhalten.

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