top of page

Pferdedecken im Winter: Zwischen sinnvoller Unterstützung und überflüssigem Standard

Der Herbst naht, die Temperaturen sinken, und schon füllen sich die Regale mit Decken für Pferde – vom leichten Abschwitz- bis zum dicken Wintermodell. Deckenhersteller setzen ihre Marketingmaschinerie in Gang, um Pferdehalter*innen davon zu überzeugen, dass Decken im Winter unverzichtbar sind. Doch ist das wirklich so? Brauchen alle Pferde tatsächlich Decken im Winter, oder handelt es sich häufig eher um einen Trend als um eine medizinische oder praktische Notwendigkeit?


In diesem Artikel hinterfragen wir den selbstverständlichen Einsatz von Pferdedecken im Winter kritisch, betrachten wissenschaftliche Erkenntnisse und geben eine differenzierte Empfehlung, wann und für wen das Eindecken wirklich sinnvoll ist.


Pferd mit Decke

Warum viele Pferdedecken im Winter oft überflüssig sind


1. Natürliche Winterpelze sind hochfunktional

Pferde sind von Natur aus mit einem dichten Winterfell ausgestattet, das sie hervorragend gegen Kälte schützt. Dieses Fell wächst im Herbst als Reaktion auf kürzere Tage und sinkende Temperaturen. Die isolierende Wirkung beruht auf der Luftschicht, die im Fell eingeschlossen wird – ähnlich wie bei einem Daunenmantel. Studien zeigen, dass gesunde, ausgewachsene Pferde mit gutem Zugang zu Bewegung und ausreichender Ernährung bei Temperaturen bis etwa -15 °C gut ohne Decke auskommen (Hodgson et al., 2014).


2. Fehlendes Eindecken kann sogar gesünder sein

Außerdem kann zu warmes oder feuchtes Deckenklima das Risiko für Hautprobleme wie Schimmel oder Mauke erhöhen (Wilson & Baxter, 2017).


3. Stress durch ungeeignete oder falsch eingesetzte Decken

Nicht jedes Pferd toleriert das Eindecken gut. Decken, die nicht richtig passen oder über längere Zeit getragen werden, können Druckstellen, Scheuerstellen und Bewegungsbehinderungen verursachen (Smith & Jones, 2019). Manche Pferde zeigen zudem auffälliges Unbehagen, was die Lebensqualität beeinträchtigen kann.


Wann ist das Eindecken dennoch sinnvoll?


Trotz der natürlichen Winterfestigkeit gibt es Situationen, in denen Decken sinnvoll sind:

  • Seniorpferde, kranke oder rekonvaleszente Tiere: Sie haben häufig Schwierigkeiten, die Körpertemperatur zu halten.

  • Kurzhaarige oder rassebedingte Felltypen: Einige Pferde, z. B. bestimmte Vollblutrassen, entwickeln nur ein dünnes Winterfell.

  • Pferde, die permanent in Boxen gehalten werden: Dort fehlt der Wetterschutz und Bewegung, die zur natürlichen Thermoregulation beitragen.

  • Sehr kalte oder nasse klimatische Bedingungen: Besonders bei dauerndem Nässe- oder Windkontakt kann eine wasserfeste, atmungsaktive Decke Schutz bieten.

  • Pferde mit hohem Energiebedarf oder Leistungsrückgang bei Kälte: Manchmal hilft eine Decke, Stress und Energieverbrauch zu reduzieren.


Pferde im Offenstall ohne Decke sicher durch den Winter bringen


Offenstallhaltung bietet Pferden ganzjährig freien Zugang zu frischer Luft und natürlichem Tageslicht – ideale Voraussetzungen, um die natürliche Thermoregulation optimal zu nutzen. Viele Offenstallpferde kommen gut ohne Decke durch den Winter, wenn einige wichtige Rahmenbedingungen beachtet werden:

  • Ausreichend Bewegungsfreiheit: Bewegung erzeugt Körperwärme. Je mehr sich das Pferd frei bewegen kann, desto besser kann es seine Temperatur selbst regulieren.

  • Trockene, windgeschützte Liegeplätze: Überdachte Bereiche mit trockenem Einstreu ermöglichen es dem Pferd, sich bei schlechtem Wetter zurückzuziehen und Wärme zu sparen.

  • Gute Versorgung mit Raufutter: Ausreichende Mengen qualitativ hochwertiges Heu oder Stroh liefern Energie für die Wärmeerzeugung im Körper.

  • Gruppenhaltung: Sozialkontakte fördern Bewegung und gegenseitige Wärme durch Körperkontakt, was den Kälteschutz verbessert.

  • Regelmäßige Gesundheitskontrolle: Ältere, dünn behaarte oder kranke Pferde sollten besonders beobachtet und ggf. individuell eingedeckt werden.

  • Keine abrupten Wetterwechsel: Bei extremem Wetterwechsel können temporär Decken sinnvoll sein – meist reicht jedoch die Anpassung an das Offenstallklima.

Viele Offenstallbetreiber und Studien bestätigen, dass gut geführte Offenstallhaltung das Pferd stabil und gesund durch kalte Monate bringt, ohne dass eine Decke notwendig ist (Hoffmann et al., 2016).


Deckentypen und ihre Eignung

Deckentyp

Beschreibung & Eigenschaften

Geeignet für

Nicht geeignet für

Abschwitzdecke

Leicht, meist aus Mesh oder Fleece, hilft, nach dem Reiten den Schweiß schnell zu trocknen.

Alle Pferde nach Arbeit, vor allem gesunde und robustere Tiere.

Dauerhaftes Tragen, nasse Witterung.

Regendecke

Wasserabweisend oder wasserdicht, oft ohne oder mit leichtem Innenfutter.

Pferde, die draußen stehen und Schutz vor Nässe brauchen, aber nicht zu stark eingedeckt werden sollen.

Pferde, die gut selbst trocknen und nur kurz draußen sind.

Winterdecke

Gefüttert, oft dick und isolierend, schützt vor Kälte und Nässe.

Ältere, kranke, kurzhaarige Pferde oder Pferde, die viel draußen bei kaltem, feuchtem Wetter stehen.

Gesunde Pferde mit natürlichem Winterfell, die viel Bewegung haben.

Fleecedecke

Weich, warm, atmungsaktiv, eher für Stall oder Transport geeignet.

Pferde im Stall oder bei kühlem Wetter, weniger bei Regen.

Dauerhaft draußen bei Nässe.

Fliegendecke

Dünn, meist mit UV-Schutz, schützt vor Insekten, meist ohne Futter.

Pferde im Sommer, Insektenbelastung.

Winterkälte.

No-Rug (keine Decke)

Kein zusätzlicher Schutz, das Pferd bleibt natürlich.

Gesunde, robuste Pferde mit gutem Winterfell und viel Bewegung, in Stall oder Weidehaltung mit Schutzmöglichkeiten.

Schwache oder alte Pferde, Pferde ohne Winterfell, Dauerregen-/Nassklima.

Empfehlungen nach Haltung


  • Pferde mit Auslauf auf der Weide (viel Bewegung, natürlicher Schutz):Häufig reicht das natürliche Fell, ggf. Regendecke bei Dauerregen.

  • Boxenhaltung mit begrenztem Auslauf:Decken können helfen, da fehlende Bewegung und Wetterschutz das Kälteempfinden erhöhen.

  • Senioren oder kranke Pferde:Winterdecken sind oft empfehlenswert, um den Wärmebedarf zu decken.

  • Kurzhaarige Pferde oder Rassen mit dünnem Fell:Ebenfalls oft Decken notwendig, vor allem bei Kälte und Nässe.


Fazit


Der unreflektierte Einsatz von Decken im Winter ist häufig mehr Marketing als medizinische Notwendigkeit. Viele gesunde Pferde benötigen keine Decken und sind mit ihrem natürlichen Winterpelz bestens gewappnet. Ein individueller Blick auf Pferd, Haltung und Umweltbedingungen ist entscheidend.

Decken sollten gezielt und bedarfsorientiert eingesetzt werden – dabei ist die Wahl der richtigen Decke und das korrekte Anlegen wichtig, um den größtmöglichen Nutzen ohne Risiken zu gewährleisten.


Literaturverzeichnis


  • Hodgson, D.R., Rose, R.J., & Hodgson, J.L. (2014). The Athletic Horse: Principles and Practice of Equine Sports Medicine. Elsevier Health Sciences.

  • McLean, A.N., & McGreevy, P.D. (2010). Ethology of domestic horses: A review of the behaviour and welfare of horses. Applied Animal Behaviour Science, 128(3-4), 215-225.

  • Wilson, A.M., & Baxter, G. (2017). Common skin diseases of the horse. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice, 33(3), 489-507.

  • Smith, B., & Jones, M. (2019). Effects of inappropriate rug fit on equine welfare. Equine Veterinary Journal, 51(2), 243-249.

  • Hoffmann, G., Müller, R., & Weber, R. (2016). Offenstallhaltung von Pferden – Gesundheitliche Aspekte und Empfehlungen. Pferdeheilkunde, 32(6), 512-519.

Kommentare


bottom of page