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Pferdehaltung im Winter – warum erst die kalte Jahreszeit zeigt, ob ein Stall wirklich funktioniert

Im Sommer wirken viele Haltungssysteme überzeugend: trockene Böden, grüne Ausläufe, entspannte Pferde. Doch für eine fachliche Bewertung der Pferdehaltung im Winter ist dieses Bild nur bedingt aussagekräftig.


Erst im Winter – insbesondere bei Tauwetter, anhaltender Feuchtigkeit und Temperaturwechseln – zeigt sich, wie tragfähig ein Haltungssystem tatsächlich ist. Dann wird sichtbar, ob Management, Bodenaufbau und tägliche Pflege den Bedürfnissen des Pferdes auch unter schwierigen Bedingungen gerecht werden.


Im Institutskontext betrachten wir Pferdehaltung deshalb nicht nur unter Idealbedingungen, sondern vor allem unter Belastung – denn genau dort entstehen gesundheitliche Risiken.


Offenstall im Winter

Pferdehaltung im Winter: Kälte ist selten das Problem – Feuchtigkeit schon


Pferde sind evolutionär gut an niedrige Temperaturen angepasst. Trockene Kälte oder Schnee stellen für gesunde Tiere meist kein wesentliches Problem dar.


Kritisch wird die Pferdehaltung im Winter, wenn Feuchtigkeit über längere Zeit mit Kot, Urin und mangelnder Ableitung zusammentrifft. Beim Tauwetter entstehen schnell stark belastete Bodenbereiche, die sich innerhalb kurzer Zeit von einem Komfortproblem zu einem Gesundheitsrisiko entwickeln können.


1. Hufgesundheit in der Pferdehaltung im Winter


Dauerhaft feuchte Böden verändern die Eigenschaften des Hufhorns. Fachliteratur beschreibt:

  • reduzierte Stabilität der Hornsubstanz

  • weichere Sohlen

  • erhöhte Anfälligkeit für bakterielle Prozesse (z. B. Strahlfäule)

  • zusätzliche Belastung durch Nass-Trocken-Wechsel

(O’Grady & Poupard, 2003; EquiMed, 2019)


Entscheidend ist dabei die Dauer der Feuchtigkeit: Bereits wenige Tage können die Hornqualität verschlechtern, besonders bei hoher Keim- und Ammoniakbelastung.


2. Hautprobleme und Mauke im Winter


Feuchte, verschmutzte Böden gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren für Fesseldermatitis (Mauke). Typisch sind:

  • Aufweichung der Haut

  • Mikroverletzungen

  • Eindringen bakterieller Erreger

  • zusätzliche Reizung durch Exkremente

(Scott & Miller, 2011; British Horse Society, 2020)

In der Praxis treten diese Probleme besonders häufig in der Pferdehaltung im Winter und im zeitigen Frühjahr auf.


3. Liegeverhalten und Regeneration im Offenstall


Pferde meiden nasse oder instabile Liegeflächen deutlich (Houpt, 2018). Werden Liegebereiche im Winter dauerhaft feucht, zeigt sich häufig:

  • weniger Liegen

  • verkürzte Ruhephasen

  • reduzierter Tiefschlaf (REM-Phasen)

Langfristig kann das Auswirkungen auf Regeneration, Belastbarkeit und Verhalten haben.


4. Feuchte Einstreu – ein unterschätztes Winterrisiko

Auch in der Offenstallhaltung spielt Einstreu eine zentrale Rolle. Wird sie im Winter dauerhaft feucht, verliert sie:

  • isolierende Wirkung

  • Fähigkeit zur Feuchtigkeitsbindung

  • strukturgebende Stabilität

Die Keimlast steigt entsprechend an (Clarke, 2016). Bereiche, die im Sommer funktionieren, können in der Pferdehaltung im Winter schnell problematisch werden.

5. Offenstall und konventionelle Haltung im Winter – ein realistischer Vergleich


Konventionelle Haltungssysteme setzen häufig auf individuelle Maßnahmen wie Eindecken oder Einzelmanagement. Diese erhöhen jedoch nicht automatisch die Pferdegerechtigkeit.


Studien zeigen, dass Managemententscheidungen häufig stärker am Arbeitsablauf des Menschen orientiert sind als an den funktionellen Bedürfnissen des Pferdes (Fureix et al., 2012; Houpt, 2018).

Aus fachlicher Sicht gilt deshalb:

Gute Pferdehaltung im Winter erkennt man nicht an zusätzlichen Maßnahmen, sondern daran, wie stabil das System unter Belastung bleibt.

6. Warum Defizite im Sommer oft unsichtbar bleiben


Im Sommer:

  • trocknen Böden schnell

  • UV-Licht reduziert Keime

  • Pferde meiden problematische Bereiche


Im Winter:

  • bleibt Feuchtigkeit lange erhalten

  • gefrorene Exkremente tauen plötzlich auf

  • Matsch entsteht in kurzer Zeit

  • Managementfehler werden sichtbar

Nicht der Winter verursacht die Probleme – er macht sie sichtbar.


7. Fazit: Pferdehaltung im Winter als Qualitätsprüfung


Ein Haltungssystem zeigt seine Qualität nicht unter Idealbedingungen, sondern unter Belastung.

Gute Pferdehaltung im Winter bedeutet:

  • konsequente Beobachtung bei Wetterwechsel

  • schnelles Entfernen feuchter Exkremente

  • dauerhaft trockene Liegeflächen

  • Bereitschaft zu erhöhtem Managementaufwand


Oder kurz gesagt:

Im Sommer wirkt fast jeder Stall gut.Im Winter zeigt sich, ob er wirklich funktioniert.


Literatur / Quellen

  • British Horse Society (2020): Mud fever in horses – causes, prevention and management.

  • Clarke, A. F. (2016): Stable environment and respiratory health in horses. Equine Veterinary Education.

  • EquiMed (2019): Changing weather and hoof health.

  • Fureix, C., Beaulieu, C., & Hausberger, M. (2012): How horses cope with repetitive stress: A review. Applied Animal Behaviour Science, 138(3–4), 170–180.

  • Houpt, K. A. (2018): Domestic Animal Behavior for Veterinarians and Animal Scientists. Wiley-Blackwell.

  • O’Grady, S. E., & Poupard, D. A. (2003): Physiology of the equine hoof wall. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice.

  • Scott, D. W., & Miller, W. H. (2011): Equine Dermatology. Saunders Elsevier.

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