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Raufutterbedarf des Pferdes und Beurteilung der Heuqualität

1. Apr.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 2. Apr.

Grundlage, Praxisfehler und realistische Einschätzung


In der modernen Pferdefütterung zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Müslis, Zusatzfutter und Spezialprodukte werden detailliert ausgewählt – während die Grundlage häufig unterschätzt wird: der Raufutterbedarf und die Qualität des Raufutters.


Dabei ist Heu das zentrale Futtermittel des Pferdes. Als Dauerfresser ist das Pferd darauf angewiesen, über viele Stunden hinweg kontinuierlich strukturreiche Nahrung aufzunehmen. Fehler in Menge und Qualität wirken sich unmittelbar auf Verdauung, Stoffwechsel und Verhalten aus (Coenen 1992; Meyer & Coenen 2014; FN 2010).


Pferd frisst Heu

1. Das Pferd als Dauerfresser


Das natürliche Fressverhalten umfasst 12–16 Stunden tägliche Nahrungsaufnahme.

Diese kontinuierliche Aufnahme erfüllt zentrale Funktionen:

  • Speichelproduktion zur Pufferung der Magensäure

  • Stabilisierung der Darmflora

  • Förderung der Darmmotilität

  • Verhaltensregulation durch Beschäftigung

Unterbrechungen – insbesondere lange Fresspausen – wirken sich direkt negativ aus (Meyer & Coenen 2014).


2. Raufutterbedarf: Wie viel braucht ein Pferd?


Mindestbedarf


  • 1,5 kg Trockensubstanz / 100 kg Körpergewicht

    → ca. 1,7 kg Heu / 100 kg Körpergewicht

    (Vervuert & Bockisch 2018)


Ein 600-kg-Pferd benötigt damit:

→ mindestens 9–10 kg Heu täglich

Das ist eine Untergrenze, keine optimale Versorgung.


Aufnahme bei ad libitum


Bei freiem Zugang zu Heu liegt die Aufnahme typischerweise bei:

  • ca. 1,8–2,5 kg Heu / 100 kg Körpergewicht

    (Meyer & Coenen 2014; Vervuert & Bockisch 2018)


Für ein 600-kg-Pferd:

→ ca. 11–15 kg pro Tag→ individuell auch darüber


3. Wie viel Heu ist das wirklich? – Wahrnehmung vs. Realität


Hier liegt eines der größten praktischen Probleme:Menschen unterschätzen systematisch, wie viel Heu ein Pferd tatsächlich frisst.


Praxisnahe Vorstellung


Eine Menge, die für eine ausreichende Nachtversorgung ohne Fresspause notwendig ist:

  • etwa 2–3 kleine Schubkarren (à ~80 Liter)

  • locker gefüllt und deutlich aufgehäuft


entstehende Haufen:

  • ca. 1,10–1,30 m hoch

  • gut 1 m breit oder mehr


Umrechnung in kg (sauber eingeordnet)


Schüttdichte von losem Heu:

  • ca. 30–50 kg/m³ (Meyer & Coenen 2014; Kamphues et al. 2014)

→ Volumen des beschriebenen Haufens:

  • ca. 0,6–0,9 m³

→ entspricht:

  • ca. 18–45 kg Heu


Präzisierung (entscheidend)


Diese große Spannbreite entsteht durch die Struktur des Heus:

  • grobes, stängeliges Heu → viel Volumen, geringes Gewicht

  • feines, blattreiches Heu → kompakter, aber schwerer


Einordnung (zentraler Punkt)

  • tatsächlich gefressen: ca. 11–15 kg

  • bereitgestellt: oft deutlich mehr (inkl. Verluste und Sicherstellung der Verfügbarkeit)


Entscheidendes Praxiskriterium

Eine Heumenge ist dann ausreichend, wenn morgens noch Reste vorhanden sind.

✔ ausreichend

  • einzelne Halme oder kleine Mengen bleiben übrig

✘ nicht ausreichend

  • Box vollständig leer

    → Fresspause → physiologisches Problem


Der zentrale Denkfehler


Typische Stallrealität:

  • gefüttert: 3–6 kg pro Gabe

  • benötigt: >10 kg täglich

→ optisch „viel“, tatsächlich zu wenig


4. Fresspausen und Nachtversorgung


Längere Fresspausen (> 4 Stunden) sind problematisch.


Besonders kritisch:

  • Nachtphasen in Boxenhaltung

  • rationierte Fütterung


Konsequenz:

  • kontinuierliche Magensäure ohne Puffer

  • erhöhte Belastung des Verdauungssystems


5. Verhaltensauffälligkeiten als Hinweis


Anknabbern von Boxenwänden


Das Benagen von Holz ist häufig ein kompensatorisches Verhalten:

  • unzureichende Raufuttermenge

  • zu lange Fresspausen

  • fehlende Kauaktivität

Das Pferd versucht, das arteigene Fress- und Kaubedürfnis zu kompensieren (Zeitler-Feicht 2008).

Wichtig:Nicht jede Ursache ist Fütterung – aber in Kombination mit knapper Heugabe ist es ein klarer Hinweis.


Weitere Hinweise

  • Koppen

  • Weben

  • Unruhe

  • hastiges Fressen

(Broom & Fraser 2007)


6. Folgen von Raufuttermangel


  • kontinuierliche Säureproduktion

  • fehlende Pufferung

  • Schleimhautschäden

(Vervuert 2004)


Weitere Folgen

  • Koliken

  • gestörte Darmflora

  • Leistungsprobleme

  • Verhaltensstörungen


7. Heuqualität: Beurteilung


Gutes Heu:

  • grünlich bis olivfarben

  • aromatisch, frisch

  • staubarm

  • strukturreich

  • frei von Schimmel und Fremdkörpern


(LfL Bayern 2023)


8. Was ist akzeptabel – und was nicht?


Eingeschränkt tolerierbar

  • leichte Farbabweichungen

  • grobe Struktur

  • geringe Staubanteile


Nicht akzeptabel

  • Schimmel

  • muffiger Geruch

  • Feuchtigkeit / Gärung

  • Erde oder Sand

  • starke Staubentwicklung


(Kamphues et al. 2014)


9. Schwankende Heuqualität


Probleme bei wechselnden Chargen:

  • Darmflora reagiert empfindlich

  • reduzierte Aufnahme

  • erhöhtes Kolikrisiko

Konstanz ist entscheidend.


10. Raufutter bei übergewichtigen Pferden


Problem:

  • Reduktion unter Mindestbedarf

Lösung:

  • energieärmeres Heu

  • Heunetze (verlängerte Fressdauer)

  • begrenzt Stroh

  • strukturreiche Ergänzungen (z. B. Zweige)

Ziel:

→ Fresszeit erhalten, Energie steuern


Fazit


Die Raufutterversorgung ist die Grundlage der Pferdefütterung.

Fehler entstehen vor allem durch:

  • unterschätzte Mengen

  • falsche optische Einschätzung

  • unzureichende Qualität

Verhaltensauffälligkeiten sind häufig keine „Unarten“, sondern funktionale Hinweise.


Checkliste: Raufutterversorgung


Menge

  • ☐ mindestens 1,5 kg / 100 kg KGW

  • ☐ besser: 1,8–2,5 kg

  • ☐ Nachtversorgung ausreichend

Praxischeck

  • ☐ morgens liegen noch Heureste in der Box

  • ☐ keine Fresspause > 4 Stunden

Realistische Einschätzung

  • ☐ Heu wurde gewogen

  • ☐ optische Einschätzung stimmt mit Realität überein

Qualität

  • ☐ kein Schimmel

  • ☐ kein muffiger Geruch

  • ☐ staubarm

  • ☐ frei von Erde

Verhalten

  • ☐ kein Holzknabbern

  • ☐ ruhiges Fressverhalten


Dieser Artikel ist Teil der Grundlagen Pferdefütterung.


Literaturverzeichnis


  • Broom, D. M.; Fraser, A. F. (2007): Domestic Animal Behaviour and Welfare

  • Coenen, M. (1992): Untersuchungen zur Pferdefütterung

  • FN (2010): Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 4

  • Kamphues, J.; Coenen, M.; Iben, C. (2014): Supplemente zur Tierernährung

  • LfL Bayern (2023): Gruber Tabelle Pferdefütterung

  • Meyer, H.; Coenen, M. (2014): Pferdefütterung

  • Zeitler-Feicht, M. H. (2008): Handbuch Pferdeverhalten

  • Vervuert, I. (2004): Magengesundheit und Fütterung beim Pferd

  • Vervuert, I.; Bockisch, F. (2018): Raufutteraufnahme beim Pferd

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