„Viel hilft viel“? – Fütterungsfehler beim Pferd zwischen Überversorgung und Strukturmangel
Die Fütterung des Pferdes ist in der Praxis häufig von einem Widerspruch geprägt: Während das Grundfutter – insbesondere Heu – rationiert wird, steigt gleichzeitig der Einsatz von Ergänzungsfuttermitteln, Mineralstoffen und Zusatzpräparaten. Diese Diskrepanz steht im deutlichen Gegensatz zur Physiologie des Pferdes und birgt erhebliche Risiken für Stoffwechsel, Verdauung und Mineralstoffhaushalt.

1. Physiologische Grundlage: Das Pferd als Dauerfresser
Das Pferd ist evolutiv an eine nahezu kontinuierliche Aufnahme strukturreicher, energiearmer Nahrung angepasst:
Fressdauer: ca. 12–16 Stunden täglich
Hauptnährstoffquelle: strukturreiches Raufutter
kontinuierliche Speichelproduktion und Magenfüllung
Eine ausreichende Versorgung mit Raufutter ist essenziell für:
Stabilität des Magenmilieus
Funktion der Dickdarmfermentation
Verhaltensregulation
Eine Einschränkung der Raufutteraufnahme führt nachweislich zu:
erhöhtem Risiko für Magenerkrankungen
Störungen der Darmflora
kompensatorischem Fressverhalten
(Meyer & Coenen, 2014; Harris et al., 2017)
2. „Langsamer Stoffwechsel“ – eine funktionelle Einordnung
Der Begriff beschreibt beim Pferd eine artspezifische Anpassung:
geringe metabolische Umschlagrate
hohe Effizienz in Speicherung und Nutzung
verzögerte Reaktion auf Über- und Unterversorgung
Konsequenz:
Überschüsse werden gespeichert, nicht „verbrannt“
Dysbalancen entstehen schleichend
Symptome treten spät auf
(Geor et al., 2013)
3. Der zentrale Fütterungsfehler: Zu wenig Heu, zu viele Ergänzungen
Typisches Praxisbild:
Heu wird reduziert
Kraftfutter
Mineralfutter
Zusatzprodukten
Das führt zu:
struktureller Unterversorgung
gleichzeitiger Nährstoffüberladung
→ eine funktionell instabile Ration(Müller, 2006; Kamphues et al., 2014)
4. Spurenelemente: Überversorgung als unterschätztes Risiko
Besonders kritisch:
Zink
Kupfer
Selen
Probleme entstehen durch:
Akkumulation (z. B. Kupfer in der Leber)
Antagonismen (z. B. Zink hemmt Kupfer)
fehlende unmittelbare Symptome
Organisch gebundene Spurenelemente erhöhen durch ihre bessere Verfügbarkeit zusätzlich das Risiko bei Überdosierung (Spears, 2003; NRC, 2007).
5. Bioverfügbarkeit und Fehlertoleranz
Grundsatz:
Je höher die Bioverfügbarkeit, desto geringer die Fehlertoleranz.
Das bedeutet:
hochverfügbare Mineralien wirken effizient
aber Fehler in der Ration wirken direkter
Anorganische Mineralien sind oft ausreichend und bieten eine gewisse „Pufferwirkung“ bei Überversorgung (Kamphues et al., 2014).
6. Blutbilder – warum sie kaum helfen
Blutwerte werden lange konstant gehalten
der Körper kompensiert über Speicher
Auffälligkeiten treten spät auf
→ Blutbild = kein Frühwarnsystem
(Geor et al., 2013; NRC, 2007)
7. Fazit
Die meisten Pferde werden nicht zu schlecht, sondern zu gut gemeint gefüttert.
Für die Mehrheit gesunder Pferde gilt:
Heu ad libitum (oder so nah wie möglich daran)
ein einfaches, moderat dosiertes Mineralfutter
keine unnötigen Zusatzprodukte
Alles darüber hinaus erhöht oft nicht die Versorgung –sondern das Risiko und stellt einen Fütterungsfehler dar.
✔ Checkliste für Pferdehalter (praxisnah & ehrlich)
1. Raufutter – die Grundlage
☐ Bekommt mein Pferd mindestens 1,5–2 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht?
☐ Hat es lange Fresszeiten (keine Pausen > 4 Stunden)?
☐ Ist Heu wirklich die Hauptfutterquelle – oder nur „Beilage“?
2. Kraftfutter kritisch prüfen
☐ Arbeitet mein Pferd wirklich so, dass es Kraftfutter braucht?
☐ Oder füttere ich es „vorsorglich“?
3. Mineralfutter – einfach halten
☐ Verwende ich nur ein Mineralfutter?
☐ Ist es moderat dosiert (keine Hochleistungsformel für Freizeitpferd)?
4. Zusatzprodukte hinterfragen
☐ Füttere ich mehrere Produkte mit ähnlichen Inhaltsstoffen?
☐ Weiß ich genau, warum jedes einzelne Produkt drin ist?
👉 Wenn nein: weglassen
5. Spurenelemente im Blick behalten
☐ Habe ich die Gesamtzufuhr von Zink, Kupfer, Selen überschlagen?
☐ Gibt es Überschneidungen zwischen Produkten?
6. „Mehr hilft mehr“ vermeiden
☐ Habe ich etwas „einfach sicherheitshalber“ erhöht?
☐ Füttere ich nach Gefühl statt nach Bedarf?
7. Blutbild realistisch einschätzen
☐ Verlasse ich mich auf Blutwerte zur Beurteilung der Versorgung?
👉 Wenn ja: kritisch hinterfragen
8. Der wichtigste Grundsatz
☐ Könnte ich die Ration vereinfachen, ohne dem Pferd zu schaden?
👉 Wenn ja: vereinfachen
Dieser Artikel ist Teil der Grundlagen Pferdefütterung.
Literaturverzeichnis
Geor, R. J., Harris, P. A., Coenen, M. (2013): Equine Applied and Clinical Nutrition. Saunders Elsevier.
Harris, P. A., Ellis, A. D., Fradinho, M. J. (2017): Feeding and equine gastrointestinal health. Animal, 11(1), 1–12.
Kamphues, J., Coenen, M., Iben, C., et al. (2014): Supplemente zur Tierernährung für Studium und Praxis. Schaper.
Meyer, H., Coenen, M. (2014): Pferdefütterung. 5. Auflage, Parey.
Müller, A. (2006): Mineralstoffversorgung beim Pferd – Bedarf und Praxis. Tierärztliche Praxis, 34, 123–130.
NRC (2007): Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press.
Spears, J. W. (2003): Trace mineral bioavailability in ruminants. Journal of Nutrition, 133(5), 1506S–1509S.




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