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„Viel hilft viel“? – Fütterungsfehler beim Pferd zwischen Überversorgung und Strukturmangel

2. Apr.
3 Min. Lesezeit

Die Fütterung des Pferdes ist in der Praxis häufig von einem Widerspruch geprägt: Während das Grundfutter – insbesondere Heu – rationiert wird, steigt gleichzeitig der Einsatz von Ergänzungsfuttermitteln, Mineralstoffen und Zusatzpräparaten. Diese Diskrepanz steht im deutlichen Gegensatz zur Physiologie des Pferdes und birgt erhebliche Risiken für Stoffwechsel, Verdauung und Mineralstoffhaushalt.


Fütterung

1. Physiologische Grundlage: Das Pferd als Dauerfresser


Das Pferd ist evolutiv an eine nahezu kontinuierliche Aufnahme strukturreicher, energiearmer Nahrung angepasst:

  • Fressdauer: ca. 12–16 Stunden täglich

  • Hauptnährstoffquelle: strukturreiches Raufutter

  • kontinuierliche Speichelproduktion und Magenfüllung


Eine ausreichende Versorgung mit Raufutter ist essenziell für:

  • Stabilität des Magenmilieus

  • Funktion der Dickdarmfermentation

  • Verhaltensregulation


Eine Einschränkung der Raufutteraufnahme führt nachweislich zu:

  • erhöhtem Risiko für Magenerkrankungen

  • Störungen der Darmflora

  • kompensatorischem Fressverhalten


    (Meyer & Coenen, 2014; Harris et al., 2017)


2. „Langsamer Stoffwechsel“ – eine funktionelle Einordnung


Der Begriff beschreibt beim Pferd eine artspezifische Anpassung:

  • geringe metabolische Umschlagrate

  • hohe Effizienz in Speicherung und Nutzung

  • verzögerte Reaktion auf Über- und Unterversorgung


Konsequenz:

  • Überschüsse werden gespeichert, nicht „verbrannt“

  • Dysbalancen entstehen schleichend

  • Symptome treten spät auf


(Geor et al., 2013)


3. Der zentrale Fütterungsfehler: Zu wenig Heu, zu viele Ergänzungen


Typisches Praxisbild:


Das führt zu:

  • struktureller Unterversorgung

  • gleichzeitiger Nährstoffüberladung


→ eine funktionell instabile Ration(Müller, 2006; Kamphues et al., 2014)


4. Spurenelemente: Überversorgung als unterschätztes Risiko


Besonders kritisch:

  • Zink

  • Kupfer

  • Selen


Probleme entstehen durch:

  • Akkumulation (z. B. Kupfer in der Leber)

  • Antagonismen (z. B. Zink hemmt Kupfer)

  • fehlende unmittelbare Symptome


Organisch gebundene Spurenelemente erhöhen durch ihre bessere Verfügbarkeit zusätzlich das Risiko bei Überdosierung (Spears, 2003; NRC, 2007).


5. Bioverfügbarkeit und Fehlertoleranz


Grundsatz:

Je höher die Bioverfügbarkeit, desto geringer die Fehlertoleranz.

Das bedeutet:

  • hochverfügbare Mineralien wirken effizient

  • aber Fehler in der Ration wirken direkter

Anorganische Mineralien sind oft ausreichend und bieten eine gewisse „Pufferwirkung“ bei Überversorgung (Kamphues et al., 2014).


6. Blutbilder – warum sie kaum helfen


  • Blutwerte werden lange konstant gehalten

  • der Körper kompensiert über Speicher

  • Auffälligkeiten treten spät auf


→ Blutbild = kein Frühwarnsystem


(Geor et al., 2013; NRC, 2007)


7. Fazit


Die meisten Pferde werden nicht zu schlecht, sondern zu gut gemeint gefüttert.

Für die Mehrheit gesunder Pferde gilt:

  • Heu ad libitum (oder so nah wie möglich daran)

  • ein einfaches, moderat dosiertes Mineralfutter

  • keine unnötigen Zusatzprodukte


Alles darüber hinaus erhöht oft nicht die Versorgung –sondern das Risiko und stellt einen Fütterungsfehler dar.


✔ Checkliste für Pferdehalter (praxisnah & ehrlich)


1. Raufutter – die Grundlage

  • ☐ Bekommt mein Pferd mindestens 1,5–2 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht?

  • ☐ Hat es lange Fresszeiten (keine Pausen > 4 Stunden)?

  • ☐ Ist Heu wirklich die Hauptfutterquelle – oder nur „Beilage“?


2. Kraftfutter kritisch prüfen

  • ☐ Arbeitet mein Pferd wirklich so, dass es Kraftfutter braucht?

  • ☐ Oder füttere ich es „vorsorglich“?


3. Mineralfutter – einfach halten

  • ☐ Verwende ich nur ein Mineralfutter?

  • ☐ Ist es moderat dosiert (keine Hochleistungsformel für Freizeitpferd)?


4. Zusatzprodukte hinterfragen

  • ☐ Füttere ich mehrere Produkte mit ähnlichen Inhaltsstoffen?

  • ☐ Weiß ich genau, warum jedes einzelne Produkt drin ist?


👉 Wenn nein: weglassen


5. Spurenelemente im Blick behalten

  • ☐ Habe ich die Gesamtzufuhr von Zink, Kupfer, Selen überschlagen?

  • ☐ Gibt es Überschneidungen zwischen Produkten?


6. „Mehr hilft mehr“ vermeiden

  • ☐ Habe ich etwas „einfach sicherheitshalber“ erhöht?

  • ☐ Füttere ich nach Gefühl statt nach Bedarf?


7. Blutbild realistisch einschätzen

  • ☐ Verlasse ich mich auf Blutwerte zur Beurteilung der Versorgung?


👉 Wenn ja: kritisch hinterfragen


8. Der wichtigste Grundsatz

  • ☐ Könnte ich die Ration vereinfachen, ohne dem Pferd zu schaden?


👉 Wenn ja: vereinfachen


Dieser Artikel ist Teil der Grundlagen Pferdefütterung.


Literaturverzeichnis


  • Geor, R. J., Harris, P. A., Coenen, M. (2013): Equine Applied and Clinical Nutrition. Saunders Elsevier.

  • Harris, P. A., Ellis, A. D., Fradinho, M. J. (2017): Feeding and equine gastrointestinal health. Animal, 11(1), 1–12.

  • Kamphues, J., Coenen, M., Iben, C., et al. (2014): Supplemente zur Tierernährung für Studium und Praxis. Schaper.

  • Meyer, H., Coenen, M. (2014): Pferdefütterung. 5. Auflage, Parey.

  • Müller, A. (2006): Mineralstoffversorgung beim Pferd – Bedarf und Praxis. Tierärztliche Praxis, 34, 123–130.

  • NRC (2007): Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press.

  • Spears, J. W. (2003): Trace mineral bioavailability in ruminants. Journal of Nutrition, 133(5), 1506S–1509S.

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