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Kolik beim Pferd – Naturgegeben oder menschengemacht?

Aktualisiert: 2. Apr.


Kolik gehört zu den häufigsten und gleichzeitig gefürchtetsten Krankheitsbildern beim Pferd. Sie wird oft als „typisch Pferd“ betrachtet – als etwas, das eben dazugehört. Doch genau diese Selbstverständlichkeit lohnt sich zu hinterfragen: Ist Kolik tatsächlich ein unvermeidbares Risiko der Pferdebiologie – oder in weiten Teilen ein Resultat unserer Haltungs- und Nutzungsbedingungen?


Verdaujungssystem Pferd

1. Was ist Kolik – eine Definition


Unter Kolik versteht man keine einzelne Erkrankung, sondern ein Symptom: abdominale Schmerzen unterschiedlicher Ursache (Robinson & Sprayberry, 2015). Diese reichen von funktionellen Störungen (z. B. Gasansammlungen, Motilitätsprobleme) bis hin zu mechanischen Veränderungen (Verlagerungen, Torsionen, Obstruktionen).


Die Besonderheit des Pferdes liegt in seiner Verdauungsphysiologie:

  • kontinuierliche Futteraufnahme ausgelegt

  • empfindliches mikrobielles Gleichgewicht im Dickdarm

  • relativ lange und bewegliche Darmaufhängung

  • eingeschränkte Möglichkeit zum Erbrechen


Diese Kombination macht das Pferd anfällig für Störungen (Argenzio, 1975; Geor et al., 2013) – erklärt jedoch nicht die hohe Prävalenz unter Haltungsbedingungen.


2. Kolik beim Wildpferd – Mythos oder Realität?


Wildlebende Pferde können ebenfalls Koliken entwickeln. Allerdings ist die Datenlage begrenzt, da viele Fälle unentdeckt bleiben und erkrankte Tiere häufig früh aus der Population ausscheiden.


Beobachtbare Unterschiede

Die dokumentierte Häufigkeit ist deutlich geringer als bei domestizierten Pferden.


Gründe dafür

1. Kontinuierliche FutteraufnahmeWildpferde fressen 14–18 Stunden täglich rohfaserreiches Futter (Duncan, 1980; Boyd & Keiper, 2005).→ konstante Darmmotilität→ stabile Mikrobiota

2. Permanente BewegungFreilebende Pferde legen täglich mehrere Kilometer zurück (Kaczensky et al., 2008).→ mechanische Unterstützung der Darmtätigkeit

3. Natürliche Futterstruktur Keine abrupten Futterwechsel oder hohen Stärkeanteile→ geringeres Risiko für Fehlgärungen (Geor et al., 2013)

4. SelektionsdruckIndividuen mit funktionellen Schwächen haben geringere Überlebenschancen

5. Geringere ManagementeingriffeKeine Fütterungsintervalle, Transporte oder Trainingsstress


3. Hauptursachen von Koliken bei Pferden in Menschenhand


Die Literatur zeigt konsistent, dass Koliken selten zufällig entstehen, sondern eng mit Managementfaktoren verknüpft sind.


3.1 Fütterungsmanagement

  • lange Fresspausen

  • hohe Kraftfutteranteile

  • geringe Rohfaserzufuhr

  • abrupte Futterumstellungen

→ signifikant erhöhtes Kolikrisiko (Tinker et al., 1997; Cohen et al., 1999)


3.2 Bewegungsmangel

  • Boxenhaltung

  • eingeschränkter Auslauf

→ reduzierte Darmmotilität und erhöhtes Risiko für Verlagerungen (Hillyer et al., 2002)


3.3 Wasseraufnahme

  • unzureichende Wasserzufuhr

→ Zusammenhang mit Obstipationskoliken (Hillyer et al., 2002)


3.4 Haltung und Fressposition

Unphysiologische Fresspositionen werden als möglicher Einflussfaktor diskutiert, insbesondere im Zusammenhang mit Muskelketten und vegetativer Regulation (Freeman, 2000).


3.5 Stress und Management

  • Transport

  • Stallwechsel

  • soziale Instabilität

→ messbare Effekte auf Darmmotilität und Kolikrisiko (Stull & Rodiek, 2000)


3.6 Zahnstatus und Kauleistung

  • unzureichende Zahnkorrektur

→ schlechtere Futterzerkleinerung und veränderte Verdauung (Dixon & Dacre, 2005)


3.7 Hufbearbeitung und Bewegungsmechanik

Direkte Studien sind begrenzt, jedoch besteht ein plausibler Zusammenhang über die Gesamtbewegung und deren Einfluss auf die Darmmotilität.


4. Kolik als „normales Risiko“ – ein Denkfehler?


Kolik wird im Alltag häufig als unvermeidbar dargestellt:

„Pferde bekommen halt Koliken.“

Diese Sichtweise steht im Widerspruch zur Studienlage.


Gründe für die Akzeptanz

1. Historische Normalisierung Langjährige Beobachtung ohne systemische Ursachenanalyse

2. Fokus auf Behandlung statt Prävention Veterinärmedizinisch gut behandelbar → Ursachen geraten in den Hintergrund

3. Fragmentiertes Managementwissen Fütterung, Haltung und Training werden oft isoliert betrachtet

4. Hohe Kompensationsfähigkeit des Pferdes Symptome treten häufig erst spät auf


5. Systemische Betrachtung: Kolik als Managementfolge


Die Gesamtheit der Daten legt nahe, dass viele Kolikformen als Folge nicht artgerechter Rahmenbedingungen entstehen.


Das Pferd ist evolutionär angepasst an:

  • kontinuierliche Futteraufnahme

  • dauerhafte Bewegung

  • strukturreiche Nahrung

  • stabile soziale Systeme


Abweichungen davon wirken direkt auf:

  • Mikrobiom

  • Motilität

  • mechanische Darmbelastung

→ zentrale Faktoren in der Kolikentstehung (Geor et al., 2013; Hillyer et al., 2002)


6. Fazit


Kolik ist kein rein „natürliches“ Problem des Pferdes.Sie tritt auch bei Wildpferden auf, jedoch vermutlich deutlich seltener und unter anderen Bedingungen.

Die hohe Prävalenz bei domestizierten Pferden ist eng mit Managementfaktoren verknüpft:

  • Fütterung

  • Bewegung

  • Haltung

  • Stress


Kolik erscheint damit weniger als unvermeidbares Risiko – sondern vielmehr als vorhersagbare Folge systemischer Abweichungen.


Die entscheidende Frage lautet daher nicht:

„Wie behandeln wir Kolik?“

sondern:

„Warum entsteht sie unter unseren Bedingungen so häufig?“

Dieser Artikel ist Teil der Grundlagen Pferdefütterung.


Literaturverzeichnis


Argenzio, R.A. (1975): Gastrointestinal physiology of the horse. Cornell Veterinarian.

Boyd, L. & Keiper, R. (2005): Behavioural ecology of feral horses. Applied Animal Behaviour Science.

Cohen, N.D., Matejka, P.L., Honnas, C.M. & Hooper, R.N. (1999): Case-control study of the association between various management factors and development of colic in horses. Journal of the American Veterinary Medical Association.

Dixon, P.M. & Dacre, I. (2005): A review of equine dental disorders. Equine Veterinary Journal.

Duncan, P. (1980): Time-budgets of Camargue horses. Behaviour.

Freeman, D.E. (2000): Gastrointestinal motility disorders in horses. Equine Veterinary Education.

Geor, R.J., Harris, P.A. & Coenen, M. (2013): Equine Applied and Clinical Nutrition. Saunders Elsevier.

Hillyer, M.H., Taylor, F.G.R. & Proudman, C.J. (2002): Case control study to identify risk factors for simple colonic obstruction and distension colic in horses. Equine Veterinary Journal.

Kaczensky, P., Ganbaatar, O. & von Wehrden, H. (2008): Resource selection by Przewalski’s horses. Biological Conservation.

Robinson, N.E. & Sprayberry, K.A. (2015): Equine Internal Medicine. Elsevier.

Stull, C.L. & Rodiek, A.V. (2000): Effects of cross-transport on stress and health of horses. Journal of Animal Science.

Tinker, M.K., White, N.A., Lessard, P. et al. (1997): Prospective study of equine colic risk factors. Equine Veterinary Journal.

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